Über die geistigen Mistkäfer in der Wissenschaft

Eine Abrechnung: Was über offenkundige Plagiate hinausgeht

 

In der Vergangenheit gab es für den Einzelwissenschaftler kaum Möglichkeiten, sich wirksam gegen geistigen Diebstahl zu wehren. Jedoch bieten inzwischen die elektronischen Medien und das Internet eine Möglichkeit, die Fälle zu dokumentieren.
Geistiger Diebstahl und unehrenhaftes Verhalten kann eine erfolgreiche Strategie sein, seine eigene wissenschaftliche Karriere zu beschleunigen und seine Stellung zu festigen. Besonders wirksam ist geistiger Diebstahl dann, wenn eine Gruppe gemeinsam handelt und ein Netzwerk bildet. - Der Bestohlene sollte sich dabei möglichst in einer Außenseiterposition befinden, so daß er kaum wirksame Möglichkeiten hat, den Diebstahl erfolgreich als solchen zu brandmarken.  

Mistkäfer sind Lebewesen, die sich von den Ausscheidungen anderer ernähren.

 

Ulli Kulke: Was in der DDR hinter den Kulissen in der Intelligenz-Foschung ablief

1 Inhalt

2 Vorbemerkung (Leipzig, im November 2009)

3 Gabriel Ward Lasker (1912-2002, Detroit) – der Vater der Populationsgenetik auf der Grundlage von Familiennamen?

4 Pingpong mit Arthur Jensen (geb. 1923, Berkeley)

5 Die Vergesellschaftung der Adressen der Zwillingspaare und der Mathematik-Hochbegabten

6 Peter Propping (geb. 1942, Bonn)

7 Werner Krause (geb. 1938,  Jena)

8 Manfred Amelang (geb. 1939, Heidelberg)

9 Die Arbeitsgedächtniskapazität wird gefleddert

10 Nachbemerkung

11 Das Sarrazin-Erfolgsbuch - inwieweit ein Plagiat?

 

2 Vorbemerkung (Leipzig, im November 2009)

Aus gegebenem Anlaß halte ich es nicht mehr für richtig, für immer über diese Dinge zu schweigen und so zu tun,  als wären sie nie geschehen. Wie ich aus Gesprächen mit Kollegen weiß, sind meine Erfahrungen keinesfalls ein Einzelfall oder gar besonders kraß. In der Vergangenheit gab es jedoch für den Einzelwissenschaftler kaum Möglichkeiten, sich wirksam gegen geistigen Diebstahl zu wehren. Die Wissenschaftlichen Fachgesellschaften, denen noch am ehesten die Kompetenz dafür zukäme, lehnen in der Regel schon wegen der Häufigkeit der Fälle Nachforschungen bei beschuldigten oder gar Das-an-den-Pranger-Stellen von überführten Kollegen ab. Wer hat die Zeit oder würde dafür bezahlt, Darstellung und Gegendarstellung zu prüfen? Und die weitere Öffentlichkeit ist bisher nur dann aufmerksam geworden, wenn etwa bei einer Nobelpreisverleihung Zweifel laut werden, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Der bestohlene Durchschnittswissenschaftler hatte hingegen seine Enttäuschungen in sich hineinzufressen. Jedoch bieten inzwischen die elektronischen Medien und das Internet eine Möglichkeit, die Fälle zu dokumentieren. Wenn gewollt, ist die Prüfung der Fakten durch Dritte dann wenigstens möglich. Die Nachahmer sollten von nun an wissen, daß sie unter Umständen einen Preis zahlen müssen und bei geistigem Diebstahl ihren Ruf aufs Spiel setzen. Auch noch nach ihrem Tode, wie im folgenden ersten Fall.

 

Zwischenbemerkung, eingefügt am 3.3.2011, nach dem Bekanntwerden des Falles Karl Theodor zu Guttenberg: Im folgenden geht es nicht um offenkundiges Abschreiben, sondern um den Klau von wesentlichen Teilen der Gedankenführung einer Publikation oder eines ganzen Buches, ohne eine einzige Zitierung der Quelle oder ohne ausreichenden Bezug auf das geistige Vorbild. Das ist eigentlich viel schwerwiegender als der Guttenberg-Fall!

 

3 Gabriel Ward Lasker (1912-2002, Detroit) – der Vater der Populationsgenetik auf der Grundlage von Familiennamen?

Wenn ich jetzt im Internet lese, daß Lasker der „Vater der modernen Isonymieforschung“ sei, ein „Begründer der modernen Humanbiologie“ mit „einem gesicherten Platz in der Geschichte der Wissenschaft“, dann könnte es mir immer noch schlecht werden, auch noch nach den über 30 Jahren, die inzwischen vergangen sind.

Wir müssen zurückblenden in das Jahr 1971. In Berlin (-Ost, DDR) lebte als Untermieter in einem einzigen Zimmer ein 27jähriger Wissenschaftler mit seiner Frau und seinem neugeborenen Sohn. Die Dissertation war fertig, aber noch nicht verteidigt. Der junge Mann interessierte sich brennend für Populationsgenetik, hatte aber keinerlei Chance, auf diesem Gebiet eine bezahlte Stelle zu bekommen, denn die Humangenetik war in der DDR in der Nach-Lyssenko-Zeit noch keine etablierte Disziplin. Als ihm aus der Arbeit von J. F. Crow und A. P. Mange (1965) bekannt wurde, daß man aus der Häufigkeit von Heiratspartner mit gleichem Familiennamen (aus der Isonymie) den Inzuchtskoeffizienten schätzen könne, erkannte er die Möglichkeit, auf diesem Wege zu einer Populationsgenetik zu gelangen, für die kein Labor notwendig ist, sondern nur Papier, Stift, Rechenschieber und Daten-Quellen, und er fand eine verallgemeinerte Schätzung des Inzuchtkoeffizienten aus den Familiennamenhäufigkeiten einer Bevölkerung (veröffentlicht in: Biologische Rundschau 11 (1974) 314-315). Als gedruckte und damit geeignete Quellen erwiesen sich die Dorfsippenbücher, die in der Staatsbibliothek ausgeliehen werden konnten. Später kamen andere Quellen hinzu. An vielen späten Abenden saß der junge Mannr bei gedämpftem Licht und wertete die Quellen mit Strichlisten aus. In der Ethnographisch-Archäologischen Zeitschrift (EAZ) fand sich dann mit Heinz Grünert zum Glück sogar ein Schriftleiter, der die Orginalität der Arbeit erkannt und druckte: Weiss, Volkmar: Die Verwendung von Familiennamenhäufigkeiten zur Schätzung der genetischen Verwandtschaft. Ein Beitrag zur Populationsgenetik des Vogtlandes. Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 15 (1974) 433-451.

Zur selben Zeit arbeitete in Detroit an der Wayne State University Gabriel W. Lasker als Professor für Biologische Anthropologie und Herausgeber der Zeitschrift „Human Biology“. Um 1974 bezeichnete sich Lasker als „Präsident des Internationalen Biologischen Programms“, Sektion „Human Adaptability“. und war 62 Jahre alt, in seinem Fach also ein weltbekannter Mann, dem aber schon langsam die Ideen ausgingen. Die Isonymie-Idee hatte etwa ein halbes Dutzend über die ganze Welt verstreute Leute aufgegriffen, aber nur einer von ihnen las Deutsch und konnte die Veröffentlichung eines unbekannten Volkmar Weiss verstehen: Lasker, der seit 1968 über Isonymie publizierte. Lasker erkannte die Gelegenheit, zerlegte die weiterführende komplexe Arbeit von Weiss (und seine Folgepublikationen zum selben Thema) in mehrere Teilschritte, beantragte und erhielt für jeden Teilschritt Mittel („grants“) und veröffentlichte (teilweise mit Koautoren) eine ganze Serie von Arbeiten, mit den von Weiss vorgedachten logischen Schritten, aber mit von Lasker erhobenen Zahlen. Wen Lasker aber bis 1978 gar nicht zitierte, das war Volkmar Weiss.

Ich bekam das natürlich mit und ärgerte mich darüber. Zu der Zeit konnte ich zwar bereits ein Dutzend Fremdsprachen fließend lesen und verstehen, war aber nicht in der Lage, in Englisch zu veröffentlichen. Ich hatte nie Unterrichtsstunden in Englisch und mir nur selbst das fließende passive Verstehen angeeignet, nicht aber den aktiven Gebrauch. Dienstliche Veröffentlichungen im Ausland galten um diese Zeit bei DDR-Wissenschaftlern als unerwünscht bzw. waren direkt untersagt, und die im Inland zur Verfügung stehenden Zeitschriften waren deutschsprachig. Ich begriff, daß ich, wenn ich mir nicht für immer die Butter vom Brot essen lassen wollte, aus dem Ghetto ausbrechen und dazu in Englisch publizieren mußte. Mein bisheriges Sprachenlernen erwies sich bis dahin als eine ziemliche Fehlinvestition. Ich hätte mir ein halbes Jahrzehnt früher die Fähigkeit für englische Veröffentlichungen aneignen müssen, holte das aber ab 1976 nach. Aus Fachzeitschriften schrieb ich mir die bei Nativ-Speakern üblichen Redewendungen heraus und erlernte ihren aktiven Gebrauch.

1979 hatte ich Fähigkeit erlangt, meine Methoden und Ergebnisse zur Familiennamengenetik in Englisch zusammenzufassen. Ich setzte mich über Verbote hinweg und reichte das Manuskript in den USA ein, auf Durchschlagpapier, auf mehrere einfache Briefe verteilt. Den Herausgeber des „Mankind Quarterly“, Roger Pearson, schätzte ich dabei als einen Mann ein, dem die Verhältnisse und Verbote eines totalitären Ostblocklands nicht fremd waren und der nicht so dämlich war, mir etwa Korrekturen zurückzusenden, die mir, da derartige eingehende Post kontrolliert wurde, unweigerlich die Staatssicherheit auf den Hals gezogen hätten. Denn zu dieser Zeit war ich am Zentralinstitut für Jugendforschung der DDR in Leipzig beschäftigt, einer Forschungseinrichtung mit einem strengen Verbot aller West-Kontakte für alle Mitarbeiter, bis hinauf zum Direktor! In dieser notwendigen Umsicht haben mich Pearson und wenige Jahre später dann Hans-Jürgen Eysenck (London) auch nie enttäuscht und stets konspirativ gehandelt. Das Mankind Quarterly war in der DDR nur in einer einzigen Institutsbibliothek an der Humbold-Universität in Ost-Berlin vorhanden,  und ich schätzte die Dinge so ein, daß die Kollegen zwar meine (verbotene) Publikation zur Kenntnis nehmen, aber ansonsten dicht halten würden. (In dieser Einschätzung wurde ich nicht enttäuscht, auch nicht, als meine Name sogar ab 1982 im Editorial Board von Mankind Quarterly geführt wurde.)

Es erschien dann:  Weiss, Volkmar: Inbreeding and genetic distance between hierarchically structured populations measured by surname frequencies. Mankind Quarterly 21 (1980) 135-149.  Die Veröffentlichung war insofern auch noch ein verstecktes Politikum, da ich mich auf Modellberechnungen des sowjetischen Wissenschaftlers Bunimovic berief, der herausgefunden hatte, daß sich hierarchisch gegliederte Gesellschaften rascher entwickeln als egalitäre. (Doch ist der Lauf der Weltgeschichte sicher nicht durch Bunimovic beeinflußt worden.)

Zurück zu Lasker:  Da auch aus den USA die Zusendung von Sonderdrucken in die DDR wegen der Staatssicherheit unmöglich war, mußte ich mit dem Originalheft des „Mankind Quarterly“ (das mich erreicht hatte, so genau war die Postkontrolle bei wissenschaftliche Zeitschriften denn doch nicht) nach Halle/Saale in die Bibliothek der Leopoldina fahren. Diese Bibliothek hatte das Privileg, eine Vervielfältigkeitsgerät besitzen zu dürfen, und in dem Leitenden Bibliothekar Heese einen Mann, der bereit war, seine Anweisungen zu mißachten, und der mir gestattete, für meinen privaten wissenschaftlichen Bedarf Kopien anzufertigen. Die Leopoldina war damit eines der kleinen Schlupflöcher, um sich der totalen Kontrolle zu entziehen.

Die Kopien meines englischen Aufsatzes schickte ich nun als offene wissenschaftliche Drucksache (so etwas passierte die Postkontrolle) an alle Kollegen in der ganzen Welt, die bis zu diesem Zeitpunkt etwas zur „Familiennamengenetik“ veröffentlicht hatten. Mit handschriftlich von mir eingetragenen Ausrufezeichen bei den Jahreszahlen meiner zitierten Veröffentlichungen von 1973ff. und den zeitlich nachfolgenden Arbeiten von Lasker.

Für Lasker entstand damit eine peinliche Situation, denn es kam zu Rückfragen an ihn. Er zog sich aus der Affäre, in dem er an K. Katayama in Osaka (Japan) am 11.2.1981 einen Brief schickte, in dem er meine Priorität anerkannte, und an mich eine Kopie dieses Schreibens, zusammen mit einem Review: Surnames in the study of human biology. American Anthropologist 82 (1980) 525-538, in dem er mich zitierte. Später lud er mich zu dieser Thematik zu einer internationalen Tagung ein, die er organisiert hatte. Er durfte damit rechnen, daß es mir völlig unmöglich sein würde, dieser Einladung Folge zu leisten. Auf den Inhalt des Schreibens an Katayama ging er niemals in der Öffentlichkeit ein. So konnte er sich weiter seiner im großen und ganzen unbestrittenen Urheberschaft erfreuen, und man kann in seinem Nachruf lesen: „He became the foremost authority in the world on the use and interpretation of surname analyses for evolutionary studies.“ Siehe hier.  Auch in seinem Buch, “Surnames and genetic structure“. Cambridge: Cambridge University Press 1985, zitierte er mich beiläufig. – Insgesamt kenne ich bis heute 24 Zitierungen dieser Arbeit von 1974 in der EAZ - eher viel für so ein abwegiges Thema - davon 4 von Lasker; von der englischen Fassung im Mankind Quarterly 1980 insgesamt 12 Zitierungen.

Lasker hat insgesamt 80 Arbeiten veröffentlicht, dabei mindestens ein Dutzend, deren Grundidee er von mir kopiert hat, ohne den Urheber zu zitieren, in dieser Zahl eingeschlossen. Achtzig ist für eine „Weltautorität“ nicht viel. (Ich habe gegenwärtig mit 65 Jahren 190 Arbeiten veröffentlich und bin wohl nicht einmal eine „Provinzautorität“.) Laskers Autobiographie „Happenings and hearsay“ (1999) ist in keiner deutschen Bibliothek vorhanden, bei amazon.com  hat sie einen Verkaufsrang weit jenseits der Million. Und mir ist das Geld zu schade, das Buch zu kaufen, nur um darin zu lesen, was Lasker schreibt, wie er auf die Familiennamengenetik gekommen sei.

So scheint die Nicht-Bedeutung seiner Autobiographie Lasker doch noch den Rang zuzuweisen, der ihm gebührt. Der gealterte Wissenschafler mit Weltruf, der jahrelang Geld dafür erhält, daß er sich von den Ideen eines unbekannten jungen ostdeutschen Mannes nährt, der dafür niemals Geld und Anerkennung erhalten hat. Für mich war es Lehrgeld, das ich zu zahlen hatte, und was mich veranlaßt hat, Englisch für den aktiven Gebrauch zu lernen.

Für Ostblock-Wissenschaftler ist die Geschichte nicht untypisch, und sie kann fast von jedem originellen Kopf auf seine Art erzählt werden: Auch tschechischen, rumänischen, bulgarischen usw. Wissenschaftlern blieb oft nichts anderes übrig, als in Zeitschriften in ihrer Landesprache zu veröffentlichen. War jemand im Westen sprachkundig, so konnte er in solchen Sprachen veröffentlichte originelle Ideen aufgreifen und ungestraft als seine eigenen ausgeben.

 

4 Pingpong mit Arthur Jensen (geb. 1923, Berkeley)

Um 1980 dürfte bei Jensen wie bei mir der zeitweilige Eindruck entstanden sein, daß wir voneinander abschreiben. Er schickte mir in diesen Jahren seine,  noch heute bei mir einen großen Karton füllenden,  sämtlichen Arbeiten und Preprints in dicken Briefen zu, ich ebenso meine. Für Jensen kann der Eindruck meines Abschreibens dadurch entstanden sein, daß ich zu dieser Zeit mein aktives Englisch auch durch das Auswendiglernen von Passagen aus seinen Arbeiten verbesserte und sich dadurch bestimmte Redewendungen in meinen Publikationen wörtlich wiederfanden. Um bloßen geistigen Diebstahl der Inhalte ging es aber dabei nie.

Hans Jürgen Eysenck und Arthur Jensen waren um diese Zeit die beiden meistzitierten Psychologen der Welt, aber sehr verschiedene Charaktere. Eysenck war stets bestrebt, andere anzuregen und zu fördern und zitierte meine Arbeiten sehr häufig; Jensen war auf sich selbst konzentriert, zitierte stets sich selbst am häufigsten und mich nie. Ein anderes Verhalten von ihm hätte meiner Ansicht die Dinge damals rascher und gründlicher vorangebracht. Aber Jensen wird von allen, die ihn persönlich kennen, als „sehr charakterfest“ geschildert.

Eysenck hatte Jensen 1964 bei dessen Aufenthalt in London aufmerksam gemacht auf: Roth, E.: Die Geschwindigkeit der Verarbeitung von Information  und ihr Zusammenhang mit Intelligenz. Zeitschrift für Experimentelle und Angewandte Psychologie 11 (1964) 616-622.  Bei mir lag aus der Rothschen Schule jahrelang im Schreibtisch in der obersten Schublade, so daß der Sonderdruck mir jeden Tag ins Auge fiel: Oswald, Wolf D.: Über Zusammenhänge zwischen Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, Alter und Intelligenz beim Kartensortieren. Psychologische Rundschau 22 (1971) 197-202.

Aus dem Bestreben für diese Zusammenhänge Erklärungen zu finden, entwickelten sich die parallelen Arbeiten von Jensen und mir über die Bedeutung elementarer Kognition und ihren Zusammenhang mit dem IQ. Mit der „Quantenmechanik der Intelligenz“ überschritt ich 1986 Jensens Horizont und den der etablierten Psychometrie,

Jensen, von Eysenck als Gutachter eingesetzt, befürwortete 1992 die Drucklegung meiner Arbeit  Major genes of general intelligence und unterstützte ebenso, wiederum durch Eysencks Vermittlung, die Eligibility, die ich damals vom Stanford Center for Advanced Studies in the Behavioral Sciences erhielt.

In dem Buch „The g Factor“ . Westport: Prager 1998, ließ sich auf S. 254 Jensen gar herab,  Franks Formel der Arbeitsgedächtniskapazität aus einer Arbeit  von Siegfried Lehrl (1990) zu zitieren. Es hatte Eysenck, Chris Brand und mir eine Menge Überzeugungsarbeit und Hilfe bedurft, um  Lehrl zu einer englischsprachigen Publikation seiner fundamentalen Einsichten und Ergebnisse zu bewegen. Mit dieser Zitierung in seinem Buch hatte der Altmeister Jensen seinen Segen erteilt.

 

5 Die Vergesellschaftung der Adressen der Zwillingspaare und der Mathematik-Hochbegabten

1980 fand der 22. Internationale Kongreß für Psychologie in Leipzig statt. Zu meinem Beitrag auf diesem Kongreß kam Hans Jürgen Eysenck in den Hörsaal und verließ ihn nach meinen Beitrag wieder. Vor dem Weggehen hatte er mich zum Essen in ein Hotel gegenüber dem Leipziger Hauptbahnhof eingeladen. Dort saßen wir dann mehrere Stunden zusammen. Das blieb nicht unbemerkt.

Am nächsten Abend hatte ich in meine Privatwohnung ein halbes Dutzend Gäste aus fast ebensoviel Ländern eingeladen, und wir unterhielten uns freimütig. Auch die Staatssicherheit erhielt von einer DDR-Teilnehmerin dieses Abends ihren Bericht.

Als ich 1977 von der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) an das Zentralinstitut für Jugendforschung gewechselt hatte, brachte ich die Adressen von 3000 Zwillingspaaren (die Zwillinge eines gesamten Geburtsjahrgangs der DDR) mit, deren Daten und sportliche Testwerte ich ausgewertet hatte. (In der Genetik in der Leistungssportforschung gelten meine damaligen Untersuchungen inzwischen als Klassiker.) In der „Zentralstelle für Genealogie in der DDR“ in Leipzig waren die Daten und Adressen der 1329 Probanden meiner Untersuchungen über mathematisch-technische Hochbegabung archiviert.

1981 liefen am Zentralinstitut für Jugendforschung nach langen Vorüberlegungen Forschungsvorhaben an, für die die Zwillingsadressen und insbesondere die Hochbegabten meiner Dissertation die Ausgangsdaten liefern sollten. Beim Institutsdirektor Prof. Walter Friedrich, der seit 1977 meine Forschungen gefördert und unterstützt hatte, vollzog sich jedoch in dieser Zeit ein tiefgreifender Meinungswandel. Nachdem ich die Ausleihe der Hochbegabtenkarteikarten ans Institut veranlaßt hatte und den ersten Fragebogen an die Hochbegabten redigiert hatte, wurde ich von dieser Untersuchung vollständig ausgeschlossen. Friedrich: „Der Name Weiss darf sich nicht wieder mit dieser Hochbegabtenstudie verbinden.“

Daß ich in Ungnade gefallen war, war jeden im Institut bekannt, und so blieb es auch nicht aus, daß zwei Kollegen, Dr. Otmar Kabat vel Job und der uns allen als offizieller Verbindungsmann des Instituts zur Stasi bekannte Harri Schulze, sich dadurch zu profilieren und beim Direktor in ein besonders günstiges Licht setzen wollten, indem sie gegen meine Forschungsergebnisse methodische Einwände vorbrachten, bis hin zum bösartigen Vorwurf der Datenfälschung durch mich.  Friedrich kam das zu diesem Zeitpunkt wie gerufen, und er ließ diese Vorwürfe sorgfältig prüfen. Im letzteren Punkte mit einem negativen Ergebnis (auf diese Vorwürfe kam man dann auch nie wieder zurück). Aus der Zwillings-Längsschnitt-Untersuchung wurde ich jedoch ausgeschlossen und Kabat vel Job dafür hauptverantwortlich.

Die Vorgänge und Hintergründe sind jedoch viel komplexer, und können und sollen hier nicht Gegenstand sein, da es hier nur um Diebstahl geistigen Eigentums gehen soll. Auf der Grundlage der von mir beschafften Hochbegabtenadressen sind am Institut in den Jahren 1984-1988 mindestens ein halbes Dutzend Dissertationen A und B (also Habilarbeiten) gefertigt worden. Inhaltlich allerdings weitgehend mit Fragestellungen, die nicht direkt an meine Dissertation anschlossen. Meine Veröffentlichungen und insbesondere meine 1982 erschienene Monographie „Psychogenetik: Humangenetik in Psychologie und Psychiatie“ zu zitieren, war ein Tabu, das im Zentralinstitut für Jugendforschung ab 1983 eingehalten wurde.

Bei einer zufälligen Begegnung in der Deutschen Bücherei im Dezember 1989 hat sich Prof. Walter Friedrich für die Repressalien 1980-83 bei mir entschuldigt. „Es hätte nie so weit kommen dürfen“, sagte er. Ich habe seine Entschuldigung akzeptiert.

Kabat vel Job wurde im letzten Jahr der DDR zum Professor in Halle/Saale berufen. Da jedoch der Landesregierung in Sachsen-Anhalt seine unrühmliche Rolle und sein Zusammenwirken mit dem Stasi-Mitarbeiter bekannt war, wurde er nach 1990 in Halle entlassen. Der letzte Wissenschaftsminister der DDR, Hans Joachim Meyer,  war inzwischen Wissenschaftsminister des Freistaats Sachsen geworden und berief Kabat vel Job erneut zum Professor für Entwicklungspysychologie und Pädagogische Psychologie, diesmal in Chemnitz. Wer weiß, was man dem Minister über besondere Verdienste und Qualifikationen Kabat vel Jobs alles aufgetischt hat. Und wenn er nicht gestorben ist, ist er noch immer in Chemnitz Professor. Hat vielleicht irgendjemand etwas von seinen Leistungen dort gehört?

Unter einem ganz besonders unglücklichen Stern entwickelte sich leider in dieser Zeit mein persönliches Verhältnis zu Hans-Georg Mehlhorn. Unter seiner Leitung erinnere ich mich von 1977 bis Sommer 1980 an eine besonders erfolgreiche Phase meines Arbeitslebens. Aber Ende 1981 machte man ihm klar, daß er selbst in Schwierigkeiten kommen würde, wenn er weiterhin loyal zu meinen Arbeitsergebnissen stehen würde. Auf der Sitzung der Konfliktkommission im Januar 1983 (einer internen Gerichtssitzung) erklärte er zu meiner größten Verblüffung, daß er kein Vertrauen mehr in meine Arbeit habe, da die von mir veröffentlichten Stichprobenumfänge bei den Mathematik-Begabten nicht mit den inzwischen dem Zentralinstitut für Jugendforschung übergebenenen Daten übereinstimmen würden. Ich hielt diese Begründung ein Jahrzehnt lang für eine böswillige Erfindung und seine Ernennung zum Professor 1985 als den Judaslohn dafür. Der persönliche Kontakt zwischen Mehlhorn und mir brach 1983 völlig ab.

Wie groß war dann aber 1993 meine Überraschung, als ich bei der Vorbereitung der Wiederholungsbefragung der Teilnehmer der DDR-Mathematik-Olympiaden, die ich als nunmehriger Leiter der  Deutschen Zentralstelle für Genealogie durchführen konnte, feststellen mußte, daß 1982 dem Zentralinstitut für Jugendforschung unabsichtlich ein Karton (er stand woanders) mit archiviertem Material vorenthalten worden war, der 29% der Probandenfragebögen und –adressen enthielt, noch dazu die besonders aussagekräftigen der Befragung 1971. Mehlhorn hatte also 1983 keine Falschaussage gemacht! Wenn allerdings das Vertrauen zu dieser Zeit nicht allerseits untergraben gewesen wäre, dann hätten meine Beteuerungen Anlaß zu einer Nachprüfung auch in diesem Punkte sein müssen, und man hätte dann den fehlenden Karton schon 1983 gefunden.

 

Prof. Werner Hennig sagte zu mir 1991 beiläufig, daß man am Institut sämtliche Unterlagen über die Vorgänge um meine Person und meine Arbeit zielstrebig und restlos vernichtet hätte. Wahrscheinlich hatte man im Frühjahr 1990 befürchtet, daß ich meine zeitweilige politische Machtstellung in der Stadt Leipzig auch dazu benutzen würde, Licht in die Hintergründe der Ereignisse von 1980 bis 1984 zu bringen. Auch die Datenlisten der 3000 Zwillingspaare, die sehr interessant für eine Nachfolgestudie wären, sind leider unauffindbar. - Meine eigenen Unterlagen über die Vorgänge habe ich dem Universitätsarchiv Leipzig übergeben.

 

 

6 Peter Propping (1942-2016)

1982 war beim Gustav Fischer Verlag in Jena meine Monographie „Psychogenetik: Humangenetik in Psychologie und Psychiatrie“ als Band 12 in der von Hans Stubbe herausgegebenenen Reihe „Genetik: Grundlagen, Ergebnisse und Probleme in Einzeldarstellungen“ erschienen. Es ist das einzige seriöse Fachbuch zu dieser Thematik, das jemals in einem kommunistischen Land erschienen ist. Der Kampf, um die Druckgenehmigung für dieses Buch zu erhalten, war eine lange Geschichte für sich, um die es aber an dieser Stelle nicht gehen soll. Auch nicht darum, daß das Buch mir meinen damaligen Arbeitsplatz in Leipzig gekostet hat und erst 1990 nach der deutschen Wiedervereinigung in Halle/Saale als Habilarbeit verteidigt werden konnte.

Wie alle meine größeren Arbeiten, enthält auch dieses Buch ausgesprochen originelle Abschnitte und methodologische Ausführungen, von denen ich mir langfristige Wirkungen erhoffte. Nach Erscheinen des Buches sagte ich 1982 zu Kollegen, daß ich damit rechne, daß es rund 200 Zitierungen und Rezensionen erhalten wird. Jetzt, bis Ende 2009, sind mir 118 Zitierungen bekannt (ein Nachdruck darin eingeschlossen) und 33 Rezensionen. Durch die stürmische Entwicklung der Molekulargenetik sind Teile des Buches inzwischen völlig überholt, nicht aber alle grundsätzlichen Ausführungen. Wenn einmal die Wissenschaftshistoriker sich mit der Geschichte des Fachs befassen werden, dann wird die Zahl 200 erreicht werden.

Nicht durchgesetzt hat sich der Begriff Psychogenetik, den ich in meiner Definition und in Analogie zum Gebrauch bei sowjetischen Kollegen in der deutschen Wissenschaftssprache etablieren wollte. Nur einmal weist die Suchmaschine google.books für 1985 oder 1986 ein Symposium über „Psychogenetik“ nach, das unter Leitung von Peter Propping von der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik veranstaltet worden sein muß. (Wer weiß dazu Näheres?) Der Begriff konkurrierte jedoch international mit dem älteren Verständnis einer „genetischen Psychologie“ im Sinne Jean Piagets, von dem sich „Verhaltensgenetik“ („Behaviour genetics“) unzweideutig unterscheidet, nicht jedoch „Psychogenetik“.

Im Frühjahr 1989 veröffentlichte Peter Propping die Monographie „Psychiatrische Genetik: Befunde und Konzepte“. Berlin: Springer. Einigen Teilen des Buches, wie etwa 1.2.3 Ebenen der genetischen Analyse und, 1.2.5. Multifaktorielle Vererbung – ein Notbehelf, sieht man beim Textvergleich mit meiner „Psychogenetik“ an, daß Propping mein Buch als geistige Vorlage benutzt hat. Die gleichen Argumente, dieselben Abbildungen aus den Veröffentlichungen von Drittautoren – das ist nichts Ehrenrühriges, eher eine erfreuliche fachliche Übereinstimmung, die man dadurch feststellen könnte. Wenn da nicht jegliche Erwähnng und Zitierung der „Psychogenetik“ eines Volkmar Weiss vollständig fehlen würde.

Propping und ich, wir waren uns schon einmal vor 1989 persönlich begegnet, am Rande einer Leopoldina-Tagung in Halle/Saale. War es 1986 gewesen? Propping konnte sich dabei überzeugen, daß ich fachlich abgedrängt worden war, und meine Arbeit schien sich ihm zur ungehemmten und ungestraften Ausschlachtung geradezu anzubieten.

Dann kam die deutsche Einheit. Irgendwie war die Sache für Propping dann doch etwas peinlich. Der Herr Professor lud mich für März 1990 zu einem Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik nach Bonn ein. Das arme Schwein aus dem Osten bekam freundliche Worte und  ein paar hundert Westmark Reisekostenerstattung und stellte aus Dankbarkeit keine unbequeme Frage. Und damit hatten wir uns zum letztenmal gesehen. Propping hat mich niemals zitiert. Wenn ich je die Illusion gehabt hätte, daß sich nach der Wiedervereinigung die westdeutschen Kollegen dafür einsetzen würden, daß ich eine berufliche Laufbahn als Genetiker wieder aufnehmen könne, ich hätte sie 1990 verloren. Zum Glück hatte ich keine falschen Vorstellungen über die Realitäten der westlichen Gesellschaft, und das hatte mich schon 1983 davon abgehalten, einen Ausreiseantrag nach den Westen zu stellen.

Solche Erfahrungen haben viele profilierte Wissenschaftler aus dem Osten bei der deutschen Wiedervereinigung 1990 gemacht. Einen kurzen Moment wurden wir wie seltene Tiere herumgereicht, die pötzlich und ganz unerwartet in den umzäunten Weidegründen auftauchen und leibhaftig begafft werden können, um dann als mögliche lästige Nahrungskonkurrenten ausgeschaltet zu werden.

2001 ist Peter Propping vom Bundeskabinett als Mitglied des Nationalen Ethikrat berufen worden, lese ich. Man hätte sicher keinen Besseren für ein solches Amt finden können.  - P. S. Propping ist 2016 gestorben. Er hat es nie für klug befunden, dem hier Geschriebenen zu widersprechen. Wie auch keiner der anderen in dieser Rubrik genannten Lebenden.

 

7 Werner Krause (geb. 1938,  Jena)

Schauplatz ist diesmal das Fechner-Symposium, das im Juli 1987 in Leipzig stattfand. Ich nahm daran inoffiziell als Zuhörer teil, da mir meine Anstellung als Historiker in Berlin sehr viele zeitliche Freiheiten ließ.

Prof. Hans-Georg Geissler, ein Psychologe mit einer Ausbildung auch als Physiker, forschte über Quantenzustände des Zentralnervensystems. Ich selbst hatte meinen ersten Beitrag (der bisher 48 Zitierungen erhalten hat) zu einer „Quantum mechanics of intelligence“ in: Personality and individual differences 7 (1986) 737-749 veröffentlicht. Schriftleiter dieser Zeitschrift war Hans-Jürgen Eysenck, der als Gutachter meiner Arbeit auch einen Nobelpreisträger für Physik eingesetzt hatte, wie Eysenck in einem vorangestellten Begleitwort auf den Seiten 731-736 schrieb.  Eine zweite Version meiner Arbeit war im Anhang des Dortmunder Nachdrucks der „Psychogenetik“ 1986 gedruckt worden, eine dritte unter dem Pseudonym Hjalmar S. Weisman in den USA. Mit diesen (an und für sich mir absolut verbotenen Aktivitäten und) Veröffentlichungen im Rücken bat ich Hans-Georg Geissler bei diesem Symposium um ein Gespräch, da ich zwischen seinen und meinen empirischen Zahlen und Überlegungen eine direkte Brücke entdeckt hatte. Als ich Geisslers Arbeitsraum betrat, befand sich noch Werner Krause im Raum, der im selben Jahr in Jena zum Professor berufen worden war und soeben mit Geissler gesprochen hatte. Geissler fragte mich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn Krause im Raum bliebe und uns zuhören würde. Nein, meinte ich.

Es kann eine Stunde lang gewesen sein, in dem es mir darum ging, Geissler den Brückenschlag zu seinen Arbeiten in seiner inneren Logik zu erklären, gestützt auf die bereits erfolgten Veröffentlichungen von mir und weiterführenden Berechnungen. Die gesamte Zeit hörte Krause gespannt zu und nickte gelegentlich, sagte aber kein Wort.

In den Folgejahren begründete Krause in Jena mit Mitarbeitern eine Arbeitsrichtung, bei der ich zu der Ansicht gelangt bin, daß im Denken und in den Begriffen die Frucht seines Zuhörens und Teil-Verstehens klar zu erkennen ist. Vor allem dann, wenn man Krauses Arbeiten vor und nach 1987 vergleicht. Krause hatte auch einmal (so wie später mein Sohn) Elektrotechnik studiert und kam von Berlin aus der Klixschen Schule der Allgemeinen Psychologie, so daß ihm das Vokabular meiner Arbeit teilweise schon bekannt war. Seine Mitarbeiter und er setzten bei ihren Forschungen auch durchaus eigene Akzente. Eine grundlegende qualitative Weiterführung über das hinaus, was ich bereits erreicht hatte, konnte ich aber nie erkennen. Wenn ich seine Arbeiten zur Kenntnis nahm, kam es mir stets vor, als befände ich mich in einem Elfenbeinturm und sähe auf Leute herab, die sich in den unteren Etagen des Turmes abmühten, ohne dabei höher zu gelangen.

Krause bedankte sich in den Folgejahren freundlich, wenn ich ihm später neuere Sonderdrucke von mir zum Thema schickte. Es konnte ihn aber nicht veranlassen, mich auch nur ein einziges Mal zu zitieren.

Ich kam deshalb zu der Meinung, der Professor und seine Mitarbeiter profitierten mindestens 16 Jahre lang von einem mitgehörten Gespräch und teilverstandenen Veröffentlichungen, die sie nie zitierten. Als Beleg möchte ich nur eine einzige Publikation aus Krauses Schlußspurt als Professor nennen:

Krause, Werner und Gundula Seidel: Biologische Grundlagen des Verstandes. Höhere Ordnung – kürzere Zeiten: allgemeinpsychologische und differentielle Untersuchungen zur Entropiereduktion. In: Krause, Bodo und Werner Krause (Hrsg.): Psychologie im Kontext der Naturwissenschaften. Beiträge zur menschlichen Informationsverarbeitung. Festschrift für Friedhart Klix zum 75. Geburtstag. Berlin: Trafo 2004, S. 189-214 (= Abhandlungen der Leibniz-Sozietät 12).

Ein paar Stichworte aus dieser Arbeit: EEG, Untersuchung mathematisch Hochbegabter, Informationsentropie, auf S. 196 die Formel für die Anzahl der Mikrozustände (1985 hatte ich nach der zutreffenden Formel monatelang in der quantenmechanischen Literatur gesucht; ich mußte das ja auch erst verstehen lernen), IQ, Cavanaghkonstante, Gedächtnisspanne, Arbeitsgedächtniskapazität  - man kann die Formeln und Beziehungen fast alle bei mir finden, 1986 und in Folgepublikationen, und manches mehr.

Ich selbst sehe diese „Quantenmechanik der Intelligenz“ als meine originellste wissenschaftliche Leistung an. In diese Arbeit habe ich rund drei Jahre Lebensarbeitszeit Wissenserwerb in Theoretischer Physik und bestimmten Spezialgebieten der Mathematik und Informationstheorie investiert. Diese Arbeit ist derart interdisziplinär und hochkomplex, daß sie sich dem tieferen Verständnis auch bei sehr spezieller Vorbildung nur nach monatelangen Zusatzstudium der zitierten Literatur eröffnen dürfte.

Ich hatte damit gerechnet, daß die Voraussetzungen für ein Rezeption der letzten Fassung dieser Arbeit im Jahre 2002 (2003 veröffentlicht), siehe The golden mean as clock cycle of brain waves,  erst in etwa 50 Jahren heranreifen werden.  Desto überraschter war ich, als 2008 eine internationale Arbeitsgruppe diese Arbeit als Grundlage für die Interpretation ihrer empirischen Daten heranzog, siehe Temporal interactions between cortical rhythms.

Wenn Krause nach dem Grundsatz gehandelt hätte, daß sich außerordentlich originelle Forschung gegenseitig stützen muß, wenn sie weltweite Wirkung erzielen will, bliebe ihm mein lange genährter Verdacht erspart. Persönlich mag er das anders sehen. Und wenn ich gar Unrecht haben sollte mit meiner Beobachtung, täte es mir leid.

8 Manfred Amelang (geb. 1939, Heidelberg)

Am 18. November 1995 schickte ich an Amelang folgenden Brief:

>Sehr geehrter Herr Professor Amelang:

Heute fand ich in Ihrem Beitrag „Ausmaß und Verteilung individueller Differenzen“ in dem von K. PAWLIK herausgegebenen Band Grundlagen und Methoden der Differentiellen Psychologie der Enzyklopädie der Psychologie, Serie VIII Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung, Göttingen: Hogrefe 1996 (sic), auf S. 50 eine Abbildung, die mir sehr bekannt ist, aber bei Ihnen ohne jede Quellenangabe dasteht. Das ist bedauerlich, ist doch der Gedankengang unter Psychologen vermutlich noch nicht so selbstverständlich und obliteriert, als daß man auf die Quelle (HARRIS, deutsch, 1974 oder HARRIS 1966, englisches Original) verzichten sollte. Da Sie die Logik der Sache und ihre Konsequenzen (vgl. z.B. EZE et al. 1974) nur zum Teil wiedergeben (z.B. fehlt bei Ihnen der Hinweis auf die Beziehung zwischen Mittelwerten und Varianzen der Typen), wäre ein Quellennachweis für den tiefgründiger nachschürfenden Leser sicher hilfreich gewesen.

Erstmals ist ebendieselbe Abbildung in dem von Ihnen verwendeten Zusammenhang von mir schon 1974 zitiert worden (in Biologisches Zentralblatt 93 auf S. 312), in der Monographie “Psychogenetik: Humangenetik in Psychologie und Psychiatrie” Jena: Gustav Fischer 1982, auf S. 24, ebenso in dem Nachdruck, der unter dem Titel “Psychogenetik der Intelligenz” 1986 in Dortmund: Modernes Lernen erschienen ist. Dann wieder in dem Beitrag “Major genes of general intelligence”, Person. individ. Diff. 13 (1992) auf S. 1124, und jetzt wieder in dem Invited Editorial der Zeitschrift Intelligence 20 (1995) auf S. 117 (vgl. Anlagen).

Wenn schon vielleicht nicht aus einer dieser Arbeiten, so ist Ihnen Abbildung und Logik der Sache aus dem Kurzvortrag (Thema: „Ist Intelligenz normalverteilt?“) bekannt, den ich im Mai 1994 in Halle/Saale vor der Berufungskommission gehalten habe, der Sie angehört haben (es ging um die C4 für Differentielle Psychologie). Es freut mich, daß mein Vortrag nicht ohne Folgen geblieben ist. Es ist ja eine bekannte Tatsache, daß sich Lehrbücher und Enzyklopädien in ihrem Inhalt oft 1 bis 3 Dekaden hinter der Forschungsfront bewegen. So ist es für mich, trotz des angedeuteten freundlichen kritischen Hinweises auf die fehlende Quelle, doch eine intellektuelles Vergnügen, eine Abbildung wiederzufinden, die von mir vor 22 Jahren in diesem Zusammenhang in die Diskussion eingebracht worden ist.

Weniger amüsiert, sondern hingegen geradezu schockiert war ich, als ich von Heinz GIESEN  in der Rezension von Peter BORKENAUs Buch (1993) “Anlage und Umwelt” in Psychologie in Erziehung und Unterricht 42 (1995) 1, S. 82-83, las: “Nach dem Pionierwerk von MERZ und STELZL aus dem Jahre 1977 und dem Buch von ASENDORPF “Keiner wie der andere” von 1988 hat BORKENAU eine dritte deutschsprachige Einführung in die Verhaltensgenetik vorgelegt.” Ich konnte mich nicht enthalten, Herrn GIESEN Arbeiten von mir mit der Widmung zu schicken: “Entschuldigen Sie, ich bin auch Deutscher!”

Überhaupt ist es mir bei meinem Verständnis von der auch handwerklichen Seite von wissenschaftlicher Arbeit ein Rätsel, wie man eine Monographie, die allein 33 Rezensionen und bisher um die 90 Zitierungen in Ost und West erfahren hat, übersehen kann (wie mir auch BORKENAU, jetzt Professor in Halle/S., glaubhaft versicherte). Und wenn schon vom dritten deutschsprachigen Buch die Rede ist, dann ist es diese vorzügliche Arbeit von Florian VON SCHILCHER: Vererbung des Verhaltens. Eine Einführung für Biologen, Psychologen und Mediziner. Stuttgart: Georg Thieme 1988. Stuttgart lag doch 1988 auch schon in Deutschland. Aber wo lag Jena?<

Der Anlaß für diesen Brief ist scheinbar eine Lappalie, derentwegen allein ich sicher nicht an Amelang in dieser Weise geschrieben hätte und schon gar nicht hier im Kontext „Geistiger Diebstahl“ der Erwähnung wert finden würde. Findet man in einer Arbeit eine Abbildung oder die Tabelle eines Dritten, die einem für seine eigene Argumentation gelegen erscheint, so ist es durchaus üblich und legitim, diese Tabelle oder Abbildung zu übernehmen, mit Zitierung der ursprünglichen Quelle (die man sich aber im Original vorher selbst noch einmal ansehen sollte), aber nicht unbedingt mit Zitierung auch der Arbeit, durch die man auf diese Quelle aufmerksam geworden ist. Das ergibt sich schon aus der Forderung, Literaturverzeichnisse nicht unnütz aufzublähen.  Im vorliegenden Falle war die fehlende Bildquelle versehentlich weggefallen, wie mir Amelang in einer sehr freundlichen Antwort glaubhaft versicherte.

Unausgesprochen in unserem Briefwechsel blieb aber 1995 der eigentliche Anlaß meines aggressiven Unmuts. Im Mai 1994 hieß der Staatssekretär im Wissenschaftsministerium von Sachsen-Anhalt noch Prof. Hans-Albrecht Freye (FDP) (1923-1994), Generalsekretär der Leopoldina, Gutachter meiner Habilitation über „Psychogenetik“ und langjähriger Förderer meiner wissenschaftlichen Aktivitäten (sofern es in seinen Kräften stand). Diese „Beziehungen“ waren auch der Berufungskommission in Halle/Saale kein Geheimnis, und Amelang wollte nun nach meinem Vortrag vor der Kommission sicherstellen, daß nicht ich, sondern sein Schützling Peter Borkenau auf die C4 für Differentielle Psychologie berufen wird. Amelang fragte deshalb: „Ist das, was sie mit ihren Forschungen machen, nicht dasselbe, was in der Nazi-Zeit gemacht worden ist?“ Die Frage war gezielt böswillig. Ich hatte meine Forschungen in der sozialistischen DDR gemacht. In der Nazizeit waren IQ-Tests als „jüdische Tests“ verschrien und praktisch verboten. Der Spitzenwissenschaftler auf meinem Arbeitsgebiet, der Jude  Wilhelm Peters, Verfasser des Buches „Die Vererbung geistiger Eigenschaften“, war 1933 emigriert und in der ganzen Nazizeit kein gleichwertiges oder besseres Buch erschienen.

Doch was zählt das? Die Berufungskommission war in der gewünschten Weise beeinflußt und berufen wurde Peter Borkenau. Und wenn er nicht gestorben ist, ist er heute noch Professor in Halle. 

Am 10. Dezember 1995 antwortete ich an Amelang:

„Ich hätte mir nicht vorstellen können, daß die Vereinigung so stark als ein einseitiger Kolonisierungsvorgang vollzogen wird und daß es mir auch nach 1990 so schwer oder nahezu unmöglich sein wird, auf akademischem Niveau weiterzuarbeiten.  Sowohl zu der Veranstaltung in Warschau wie auch zu mehreren Kongressen hier in Leipzig in diesem Jahr mußte ich Urlaub nehmen, um teilnehmen zu können und dieses Jahr alle Sonderdrucksendungen selbst bezahlen.

In Warschau konnte ich mich unter Kollegen aus aller Welt sehr wohlfühlen und feststellen, daß meine Arbeiten weit mehr bekannt sind, als ich bisher schon wußte. Hier dagegen entsteht bei mir zunehmend der Eindruck, daß ich nichts mehr gewinnen kann und durch mein Verhalten, wie auch immer, in meinem Alter nun nichts mehr verlieren kann.“

In der ersten Woche nach der Unterstellung meiner bis dahin selbständigen Dienststelle, der Deutschen Zentralstelle für Genealogie, unter das Staatsarchiv Leipzig, also im Juli 1995, hatte ich begonnen, das Sachbuch Die IQ-Falle: Intelligenz, Sozialstruktur und Politik zu schreiben.

Als ich 1996 Prof. Franz Fliri (1918-2008), einst Rektor der Universität Innsbruck, in seinem Haus in Baumkirchen in Tirol besuchte, sagte der zu mir spontan bei meinem Eintreten: „Sie brauchen mir gar nichts zu erzählen, Herr Privatdozent mit grauen Schläfen. 1938 dachten hier viele, nun kämen sie an die Reihe. Aber die Lehrstühle sind rasch von Leuten aus dem Reich besetzt worden.“

 

9 Die Arbeitsgedächtniskapazität wird gefleddert

1959 übertrug Helmar Frank in seiner Dissertation die Shannonsche Formel der Kanalkapazität auf die geistige Aufnahmefähigkeit des Menschen. Ein Geistesblitz, der dann von Siegfried Lehrl in psychometrischen Testverfahren angewendet worden ist. Ohne Franks Formel und ohne Lehrls Daten wäre eine „Quantenmechanik der Intelligenz“ undenkbar. Daß die Franksche Formel der Arbeitsgedächtniskapazität, die er Kurzspeicherkapazität nannte, bis heute nicht zum Grundlagenwissen eines jeden die Sache betreffenden Lehrbuchs gehört, hat vor allem zwei Ursachen: Erstens die ausgeprägte Scheu, ja Abneigung, von Frank und Lehrl gegenüber englischsprachigen Veröffentlichungen. Zweitens immer wieder die Prägung neuer Fachbegriffe, also Gegenwartsdauer anstatt Gedächtnisspanne usw., anstatt die eingebürgerten Fachbegriffe der Psychologie mit neuem und tiefgründigem Inhalt zu besetzen.

Die Idee, daß eine unterschiedliche Arbeitsgedächtniskapazität der Schlüssel zu den IQ-Unterschieden sein könnte, ja ihre wesentliche Ursache, ist in den letzten Jahrzehnten auch anderen gekommen, auf anderen Wegen und unabhängig von Frank und Lehrl. Mir ist es aber schwer verständlich, wenn man mit Fragen und Methoden der Informationspsychologie arbeitet, und das tun viele, warum man so tut, als ob die Arbeiten von Frank, Lehrl und anderen Autoren der Erlanger Schule der Informationspsychologie überhaupt nicht existierten.

Die deutschen Kollegen Heinz Holling, Miriam Vock, Werner Wittmann, Klaus Oberauer, Heinz-Martin Süß, Ralf Schulze und Oliver Wilhelm z. B. können nicht behaupten, sie hätten nie von Helmar Frank und seiner Formel gehört. Kopien der Sonderdrucke von Lehrls Arbeiten habe ich über viele Jahre an alle Kollegen verschickt, die in der Welt je über Arbeitsgedächtnis gearbeitet haben.

Ich habe Siegfried Lehrl als einen außerordentlich ehrlichen und hilfsbereiten Wissenschaftler schätzen gelernt. Der Begriff „Gehirnjogging“ dürfte von ihm geprägt worden sein. Auf Begriffe gibt es aber keine Patente, und Idee und Markt waren auch für andere attraktiv. - Während der Leipziger Messen besuchte uns Lehrl privat in Leipzig und nahm bei der Rückreise Manuskripte von mir (ohne Titelblatt und Autor) mit, die er dann an Eysenck weiterleitete. Bei einer scharfen Kontrolle, wie sie Frank beim Grenzübertritt in Ost-Berlin unterlief, als er sich mit mir Unter den Linden traf, hätte Lehrl die Manuskripte als seine eigenen ausgegeben.  

Attraktiv waren und sind für die oben namentlich genannten deutschen Kollegen insbesondere Forschungen zur Arbeitsgedächtniskapazität. Mindestens fünf von ihnen stammen aus einer Arbeitsgruppe in Mannheim. Von da aus sind sie ausgeschwärmt in verschiedene Universitäten und andere Länder, beantragen und beziehen Forschungsmittel aus weltweit verstreuten Quellen,  zitieren sich fleißig gegenseitig und bilden ein typisches Zitierkartell. Was ich bei ihren Veröffentlichungen aber bisher nicht entdecken konnte, ist irgendetwas neues Grundlegendes und Weiterführendes. Eigentlich ist alles schon bekannt, was von ihnen veröffentlicht wird! Inwieweit sind ihre Arbeiten nur Plagiate? Unvollkommene, so wie Plagiate meist.

 

10 Nachbemerkung

Im Rückblick kann man schließen, daß geistiger Diebstahl und unehrenhaftes Verhalten in den Naturwissenschaften eine erfolgreiche Strategie sein kann, seine eigene wissenschaftliche Karriere zu beschleunigen und seine Stellung zu festigen. Besonders wirksam ist geistiger Diebstahl dann, wenn eine Gruppe gemeinsam handelt und ein Netzwerk bildet. - Der Bestohlene sollte sich dabei möglichst in einer Außenseiterposition befinden, so daß er kaum wirksame Möglichkeiten hat, den Diebstahl erfolgreich als solchen zu brandmarken. Vielfach dürfte er sich sogar der Gefahr aussetzen, der Verleumdung bezichtigt zu werden, wenn er sich zu wehren versucht, noch dazu gegen eine Gruppe von Personen. Oder sich lächerlich zu machen, da voneinander unabhängige Mehrfachentdeckungen eher die Regel als die Ausnahme sind und geradezu eine Voraussetzung für die Anerkennung einer Idee und Entwicklung.  Da diese Sachlage allgemein bekannt ist und mögliche Sanktionen gegen Diebe an keiner Stelle eingeklagt werden können, ermuntert das zur Nachahmung. Es lohnt sich ja meist, wie die geschilderten Fälle zeigen.. 

 

Wer den Text bis hierher gelesen hat, könnte den Eindruck gewonnen haben, daß ich als ein vielfach Enttäuschter und Geprellter mit Bedauern auf meine wissenschaftliche Laufbahn zurückblicke. Das ist keinesfalls so.

Den geschilderten merkwürdigen Ereignissen stehen Hunderte von Wissenschaftlern gegenüber, die sich korrekt verhalten haben. Eine größere Zahl von Personen hat meinen Weg über Jahre und wenige sogar über Jahrzehnte in segensreicher Weise begleitet und mir und meiner Familie in schwierigen Situationen mit Rat und Tat, ja auch materieller Unterstützung, um der Sache willen geholfen und oft ohne direkten eigenen Nutzen. Wenn ich ihnen danken wollte, dann müßte ich einen Text verfassen, der viel, viel länger wäre als diese „Anklageschrift“ hier ist.

Schon die von mir bis 1989 verfaßten Arbeiten erreichen bis heute einen Impactfaktor von 10, d. h. jede bis 1989 verfaßte Arbeit ist bis heute durchschnittlich zehnmal zitiert worden (27 Arbeiten häufiger als neunmal); die Gesamtzahl der Zitierungen meiner Arbeiten strebt damit gegen 2000.

Dadurch, daß Google Bücher einscannt und ihren Volltext elektronisch durchsuchbar macht, werden Zitierungen nachweisbar, auf die man früher höchstens zufällig gestoßen wäre. 2008 konnte ich dadurch 114 Zitierungen meiner Arbeiten nachweisen, 2009 wieder Zitierungen in dieser Größenordnung. Von meiner Habilarbeit als Historiker, „Bevölkerung und soziale Mobilität: Sachsen 1550-1880“. Berlin: Akademie-Verlag 1993, kenne ich bisher 133 Zitierungen und 16 Rezensionen.

Überhaupt fällt auf, daß sich unter den von mir Beklagten kein einziger Historiker befindet. Der größere Zeithorizont dieses Faches scheint langfristig angelegten geistigen Diebstahl zu erschweren.  Natürlich könnte man auch hier mit Kleinkariertheiten, die einem begegnet sind, Seiten vollschreiben. Aber wem begegnet so etwas nicht, und ist man selbst immer frei davon? Unser Thema hier war nicht die Kleinkariertheit und gelegentliche Erbärmlichkeit mancher Kollegen, sondern Diebstahl.

11 Das Sarrazin-Erfolgsbuch - inwieweit ein Plagiat?

Als Sarrazin Ende August 2010 sein Buch "Deutschland schafft sich ab" herausgebracht hatte, kamen Kollegen und Bekannte auf mich zu und gratulierten mir. Denn für jedem, der mein Buch "Die IQ-Falle: Intelligenz, Sozialstruktur und Politik" (Graz: Stocker 2000) kannte, stand außer Zweifel, daß Sarrazin sich in beträchtlichem Umfang auf meine Vorleistung gestützt hatte. Sarrazins eigene Zutaten waren sein Stil, sein Antiislamismus und einige neuere Statistiken, wie die Entsprechung von IQ-Testwerten und PISA-Ergebnissen, die er aus Sonderdrucken kannte (eigene Veröffentlichungen nach 2000 und Arbeiten Dritter, die er in seinem Buch dann alle ausführlich zitiert hat - die Autoren möge man erraten), die ich ihm 2009 nach seinem Interview in "Lettre International" ohne Begleitschreiben an seine Dienstadresse in Frankfurt am Main geschickt hatte. Dafür erwartet man keine Erwähnung oder gar ausdrücklichen Dank, wenn es der sachlichen Richtigkeit und Aufklärung einer breiteren Öffentlichkeit dient.

Den logischen Aufbau eines Vorgängerbuches zu übernehmen, ohne dabei seitenweise wörtlich abzuschreiben, das gilt nicht als Plagiat im engeren Sinne, wenn man sich zu der Vorlage bekennt. Sarrazin erwähnt und zitiert ja auch mein Buch, sogar an mehr Stellen, als sein Register am Schluß ausweist. Als Frank Schirrmacher ihn am 1.10.2010 bei einem Interview für die FAZ auf den Kopf zu fragte, welche Vorleistung Volkmar Weiss für ihn tatsächlich erbracht hat (da seine Zitierungen diesen Anteil eher herunterspielen), hielt Sarrazin es für opportun, statt nun der Wahrheit die Ehre zu geben, den Anteil zu leugnen und gar von "betrüblichen Verirrungen" meinerseits zur sprechen. Das empört mich, mußten doch in dem Moment in seinem Kopf  Texte gegenwärtig sein, die sich wie eine Zusammenfassung seines Buch lesen, nur daß sie von mir schon ein paar Jahre früher veröffentlicht worden waren. Auf der einen Seite also ein SPD-Politiker, der Millionen mit einem Buch scheffelt, dessen Quellen er zu verdunkeln sucht, auf der anderen Seite ein Wissenschaftler, der sich über seine Rolle im Hintergrund amüsieren könnte, wenn er von dem von ihm profitierenden Großverdiener nicht auch noch in eine Ecke gestellt würde. Für die Massenmedien scheint aber eine solche Rollenverteilung eine selbstverständliche zu sein, gegen die man sich nicht wehren darf. Was ich dennoch mit dieser Erklärung versuche.

Andreas Kemper stellt darüber hinaus in dem Kapitel "Die deutschsprachigen Quellen Sarrazins" in dem Buch "Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz. Von Galton zu Sarrazin" eine direkte Verbindungslinie zwischen Sarrazins  Buch, "Der IQ-Falle"  und dem Bestseller "The Bell Curve" her und triftt damit den Nagel auf den Kopf.  Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, daß ich 1995 anfangs die Absicht hatte, die ersten drei Kapitel der Bell Curve nur zu übersetzen und das vierte, sehr auf amerikanische Verhältnisse zugeschnittene, Kapitel wegzulassen. Erst die Lizenzverweigerung des Verlags der Bell Curve für eine so gekürzte deutsche Übersetzung und eine Ermutigung durch Hans-Jürgen Eysenck - "Sie können das!" -  führte bis 2000 zu meinem eigenen Buch, das Sarrazin hocherfreut irgendwann im Jahre 2008 in die Hände bekommen hat.

Inzwischen arbeitete ich schon längst wieder an einem viel tiefgründigeren Werk, das 2012 unter dem Titel "Die Intelligenz und ihre Feinde" erschienen ist. Während Sarrazin es um Deutschland ging, geht es bei mir um die Zukunft der Industrieländer insgesamt. Wo Oswald Spengler 1923 im "Untergang des Abendlandes"  in blumenreichen Analogien schwelgte, findet man bei mir zwingende Sachlogik und Statistik.