Vorgeschichte und Folgen des arischen Ahnenpasses: Zur Geschichte der Genealogie im 20. Jahrhundert. Arnshaugk 2013, 374 Seiten

 

Aus: Archivmitteilungen 40 (1990) 145-147

 

Persönliches und öffentliches Interesse - Gegensätze bei Genealogen als Archivbenutzern?

 Volkmar Weiss

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In Archive werden Benutzer, die sich als „Familienforscher“ bezeichnen und in keinerlei Auftrag einer Dienststelle kommen, sondern nur die Geschichte ihrer eigenen Familie – der Vorfahren oder Verwandten – erforschen wollen, durchaus mit gemischten Gefühlen eingelassen. Es handelt sich dabei um Benutzer aller Altersgruppen, oft aber um ältere Menschen, denen gemeinsam ist, daß sie „Laien“ sind, also nicht Geschichte oder Archivkunde studiert haben, wenn sie meist auch hochqualifiziert sind und irgendeine Fach- oder Hochschulausbildung haben. Der Grad der Erfahrung ist bei ihnen sehr unterschiedlich: Er reicht von Anfängern, die zum ersten Mal einen Benutzungsantrag ausfüllen bis zu sehr Erfahrenen, die schon jahrzehntelang forschen und viele Archive kennen. Eines ist ihnen aber allen gemeinsam: Bei der Suche nach bestimmten Personen haben sie das Bestreben, möglichst große Mengen von Archivalien einzusehen. Und es ist dieses Bestreben, das angesichts der auch ohne Genealogen wachsenden Benutzerzahlen der Archive dazu führt, daß das Verhältnis zwischen „Familienforschern“ und Archivaren keineswegs konfliktfrei ist. Die objektiven Ursachen dieser tatsächlichen oder scheinbaren Interessengegensätze zu beleuchten und nach Lösungen zu suchen, ist das Ziel dieses Beitrages.

In der Genealogie gibt es zwei Hauptarbeitsrichtungen: Eine auf die Vergangenheit gerichtete Erforschung der Vorfahren eines Probanden (meist Vorfahren des Forschers selbst) oder eine stärker gegenwartsorientierte Forschung, die z.B. alle Nachkommen etwa  der Urgroßeltern zu erfassen sucht. Zur Zeit ist die erstgenannte Arbeitsrichtung, die in der Regel die Aufstellung einer Ahnenliste und das Einreichen dieser Liste bei der Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig als Ziel hat, noch die häufigere. Die zweite Richtung, deren Ziel Familiengeschichten und Biographien sind, gewinnt aber zunehmend an Bedeutung. Beide Arbeitsrichtungen sind für die Archivbenutzung nicht ohne Probleme. Bei den immer weiter in die Vergangenheit eindringenden Genealogen verdoppelt sich zwar theoretisch in jeder Vorfahrengeneration die Zahl der Personen, die er erfassen müßte; praktisch engt sich aber der Suchraum durch die abnehmende Zahl der überlieferten Archivalien immer stärker ein und konzentriert sich dann auf wenige Orte, die der Genealogie immer gründlicher bearbeitet und für die er fast zwangsläufig zum besten Kenner wird. Je besser und gründlicher er arbeitet, desto länger bearbeitet er dann einmal ausgeliehene Akten. Je mehr sich sein Blick weitet und nicht mehr nur Personen und Familien erfaßt, sondern die Geschichte in ihrer überlieferten Gesamtheit und Problematik, desto mehr entwickelt sich aus dem Anfänger, der die größte Schwierigkeit schon mit der Schrift der Akte hatte, ein Kenner, der die Achtung der Archivare und Historiker erworben hat und dem als Benutzer auch Sonderwünsche zugestanden werden. Unter denen, die einmal als Familienforscher und Laien erstmals die Archive betreten haben, sind einige, die Arbeiten abgeschlossen haben, die auch unter Fachwissenschaftlern als bedeutende Leistungen angesehen werden. Stellvertretend für andere seien die Namen Dr. Helmut Petzold, Dr. Jürgen Herzog und Dr. Peter Stephan mit ihren Arbeiten [1] genannt.

Aus dem Leistungssport ist uns bekannt, daß die Spitzenleistungen auf einer breiten Basis weniger guter Leistungen entstehen und der Fürsorge und Ermutigung, in unserem Falle in den Archiven, bedürfen. Niemand kann an einem bloßen Sammeln von Daten interessiert sein, die letztlich ohne Ordnung bleiben. Manchmal läßt sich schon an der Arbeitsmethode Erfolg oder Mißerfolg ahnen. Wer z.B. von vornherein die Daten nach einem bestimmten System sofort auf Karteikarten oder in ein geeignetes Computerprogramm schreibt, der wird eher einmal zu einem Ergebnis gelangen, als derjenige, der Notizen ungeordnet auf Zettel oder in Hefte überträgt. Ist eine wenig effektive Archivbenutzung zu befürchten, so sollten die Archive diese Benutzer stärker darauf aufmerksam machen, daß im Benutzungsantrag die Ablieferung fertiger Arbeiten unterschrieben worden ist. Bei dem Familienforscher, der zum ersten Mal einen Benutzungsantrag ausfüllt, läßt sich nicht sagen, ob er in fünf, zehn oder zwanzig Jahren einmal eine geschlossene Leistung in Bibliotheken und Archiven abgibt oder veröffentlicht oder ob seine Notizen in ungeordnetem Zustand bleiben und vielleicht von seinen Erben vernichtet werden. Jeder kennt selbst unter Wissenschaftlern beliebiger Fachrichtungen Kollegen, die ihr ganzes Leben an etwas arbeiten und sammeln und es doch nie zu einem richtigen Abschluß bringen. Daß unter Genealogen der prozentuale Anteil solcher abortiven Bemühungen noch etwas höher zu sein scheint, ist Grund zu ständiger Sorge und Kritik auch in den eigenen Reihen der Genealogen selbst. Völlig vermeiden lassen sich solche Fälle nicht. Und ungeordnete „Nachlässe“ von Genealogen, aus denen sich oft schwerer etwas herausfinden läßt als aus den Originalen, sind etwas, worauf jedes Archiv verzichten kann.

Die Sammlertätigkeit der mehr auf die Gegenwart und die Verwandtschaft gerichteten Genealogen beginnt dagegen stärker in der eigenen Familie. Fotos und Urkunden werden zusammengetragen, die Lebensdaten der Verwandten erfragt. Arbeitsziel ist eine mit Fotos, Dokumenten und Kurzbiographien belegte Familiengeschichte [2] , von der nicht nur die Verwandten Kopien erhalten, sondern auch Exemplare in der Deutschen Zentralstelle für Genealogie, in den zuständigen Bibliotheken (eine vorwiegend Sachsen betreffende Familiengeschichte gehört z.B. auch in die Sächsische Landesbibliothek) und Archiven hinterlegt werden. An einem bestimmten Punkt entsteht  dann bei den Forschern das Bedürfnis, in den Archiven nach Ergänzungen der Familienüberlieferung zu suchen und für mündlich Überliefertes schriftliche Belege zu suchen. Bei der nach 1800 oder 1850 zunehmenden Fülle der Akten gibt es für diese Art Forschung in den Archiven Probleme objektiver Art. Die Alltagsgeschichte [3] der einfachen Menschen ist noch weitgehend ungeschrieben. Eine Geschichte, in der gerade das, was uns heute selbstverständlich und oft wenig archivwürdig erscheint, vielleicht gerade das ist, was morgen stark interessieren wird.

Auf den ersten Blick scheinen eine Familiengeschichte oder eine Ahnenliste nur von persönlichem Interesse für den zu sein, der sie geschrieben hat, oder nur von Interesse für seine eigenen Verwandten, es sei denn, es handelt sich um historisch bedeutende Persönlichkeiten. Zweifel an dieser Feststellung kommen einem dann, wenn sich, wie schon erwähnt, um 1600 die halbe Bevölkerung eines Dorfes mit vielen Details in den 3000 Einzelpersonen einer Ahnenlisten wiederfindet [4] . Denn diese um 1600 lebenden Personen sind nicht nur (und schon fast zufällig) die Vorfahren des Verfassers der Liste, sondern zugleich Vorfahren von weiteren Millionen heute lebender Menschen [5] . Nachdenklich wird man auch dann, wenn man weiß, daß in der Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig mehrere tausend derartige Listen archiviert sind und dazu noch „Familiengeschichten“. Hat man 100 derartige Familiengeschichten in den Händen gehabt, die Fotos betrachtet und die Kurzbiographien überflogen, dann bekommt man eine Ahnung von der „Alltagsgeschichte des Volkes“, zu der die „große Geschichte“ zwar mehr als die Summe solcher „Geschichtchen“ ist, die aber ein Bestandteil der Geschichtserfahrung ist, die mehr und mehr Aufmerksamkeit findet.

Und hier kommt es nun zu einer überraschenden Wendung, zu einer überraschenden Verbindung von Laienforschung und nachfolgender fachwissenschaftlicher Auswertung: Aus der Summe von 1000 Ahnenlisten (bzw. den Stichproben aus dieser Summe und den 100 Familiengeschichten kann der Spezialist der Sozial-, Wirtschafts- und Bevölkerungsgeschichte, der Volkskunde oder Namenforschung, um nur die wichtigsten Interessenten zu nennen, Schlüsse ziehen, an die die wenigsten der ursprünglichen Verfasser gedacht haben dürften [6] . Voraussetzung ist allerdings, daß die meisten der 1100 Einzelarbeiten gewissen Mindestanforderungen an die Qualität gerecht werden, auf die wir noch eingehen werden [7] . Auch Stammlisten von Personen, die alle mit Familiennamen Junghans, Wunderwald, Papsdorf, Lämmel oder sonstwie heißen und auf den allerersten Blick nur Früchte bloßer Sammelwut zu sein scheinen, erweisen sich als geeignetes Ausgangsmaterial z.B. für die bevölkerungsstatistische Auswertung [8] . Personengeschichtliche Datensammlungen, die in ursprünglich rein privatem Interesse und mit privaten Mitteln, aber doch auch mit dem Beitrag von tausenden Arbeitsstunden hauptamtlicher Archivare (oder Pfarrer) entstanden sind, erweisen sich in ihrer Summe als eine neue wissenschaftliche Quelle, die Aussagen von allgemeinem Interesse erlaubt. Eine Tatsache, die dazu führen könnte, die Bewertung genealogischer Forschung zu überdenken, die zwar selbst keine „Wissenschaft“ ist, deren Quellenaufbereitungen, wie Karteien oder die Kirchenbuchverkartung [9] und jetzt auch die Ahnenlisten, selbst zu einer wissenschaftlichen Fundgrube werden.

Personen- und Sozialgeschichte sind vor allem an historischen Massenquellen interessiert, die archivarisch bisher nicht oder ungenügend erschlossen sind. Aus den Aktentiteln ist bislang oft nicht zu erkennen, ob es sich z.B. bei einer Steuerliste um eine Quelle handelt, die jede Person mit Beruf, Stand und vielleicht Alter aufführt (wie beim Mahlgroschen) oder nur um die Auflistung von Orten mit ihren Steuersummen. Neue geeignetere Findbücher sind zwar in vielen Archiven in Arbeit und helfen, den Leerlauf zu vermindern, der durch die Bestellung ungeeigneter Akten entsteht, doch bedarf die Personen- und Sozialgeschichte eigentlich noch eines ganz anderen Erschließungsgrades, der nur von den Familien- und Heimatforschern selbst erreicht werden kann. Noch ähnelt die Arbeitsweise vieler Familiengeschichtsforscher der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen, die er, nachdem er sie endlich gefunden hat, wieder in den Haufen zurückwirft und der nächste erneut mit dem Suchen beginnt, die Akte erneut bestellt. Zwar gibt es durch Genealogen schon Beispiele4 von guter Erschließung, die dem Ideal nahekommen, die Benutzung der Originale unnötig zu machen, d.h. Materialien, die, versehen mit vorzüglichen Orts-, Sach- und Personenregistern, die ursprünglichen Akten an Informationsdichte sogar weit übertreffen [10] - denn das ist das Ziel.

Die Kirchenbuchverkartung durch Genealogen und die anschließende Erarbeitung von Ortssippen- bzw. Familienbüchern ist eine in der internationelen Wissenschaft inzwischen anerkannte Leistung [11] und für die Genealogen selbst die beste und effektivste Quelle. Aber die direkte Kombination dieser Familienbücher mit den Daten aus den Gerichtshandelsbüchern, Steuerlisten und anderen Quellen ist eine Aufgabe, die erst allmählich begriffen wird. Allein in Archiven für Sachsen harren die Familientabellen von 1701 [12] , der leider nur lokal überlieferte Mahlgroschen von 1767 [13] , die Musterungslisten der Sächsischen Armee, die Geburtsbriefe des 18. Jh., die Heimatscheine des 19. Jh. (beide zumeist bei den Ämtern erhalten), die Listen der Volksbewaffnung von 1848/49 (mit Angaben über Alter, Stand und Namen), Zensurentabellen von Schulen (mit Angaben der Väter und deren soziale Stellung) und die Akten über die Einführung der Stände- und Landgemeindeordnung ab 1832 (mit Namen, Beruf, Besitz und Stand) auf ihre systematische Erschließung. Mit dem Computer wird uns dafür in Zukunft ein ideales Hilfsmittel in die Hand gegeben. Kein Wunder, daß die Genealogen mit zu dem Personenkreis gehören, der dem Einsatz von transportablen Computern aufgeschlossen und mit großem Engagement entgegensieht und selbst aktiv die Dinge vorantreibt. Denn mit dem Computer wird es möglich, die wichtige, aber zermürbende Registeraufstellung zu automatisieren, und der angeschlossene Drucker ermöglicht es, die verdichteten Materialien in der notwendigen Anzahl herzustellen, d.h. auch Belegexemplare für Archive und Bibliotheken.

Bereits in der Vergangenheit haben die Archive Informationsverdichtung durch Freizeitforscher nach Kräften unterstützt. Da diese Forscher ihre Arbeit oft außerhalb der üblichen Arbeits- und damit auch Archivöffnungszeiten machen, konnte mehrfach durch Verfilmung von Akten geholfen werden, die der Forscher dann zu Hause systematisch bearbeiten kann, indem er z.B. einen einfachen Bildwerfer einsetzt. Historiker, Genealogen und Archivare haben ein gemeinsames objektives Interesse an einer hohen Qualität genealogischer Forschungsergebnisse. Die Genealogie selbst hat sich in vielen Jahrzehnten einen Standard für die Abfassung einer Ahnenliste und anderer Materialien erarbeitet, der auch sonst in der Wissenschaft üblichen Forderungen, etwa nach Objektivität und Reproduzierbarkeit der Ergebnisse, genügt. Dieser Standard ist nicht für alle Zeiten feststehend, sondern es ist – der allgemeinen Entwicklung folgend – ein immer stärkeres Streben nach mehr Details festzustellen. Galten noch vor kurzer Zeit Beruf, Stand und die drei Hauptlebensdaten (Geburt, Heirat und Tod) als Angaben für eine männliche Person in einer Ahnenliste für ausreichend, so sind heute nähere Angaben dringend erwünscht, etwa über die steuerliche Belastung und den Kauf- und Verkaufpreis des Hauses oder Bauerngutes. Eine andere und wertvolle Arbeitsrichtung strebt danach, stets alle Geschwister einer Person mit zu erfassen, mit den dazugehörenden Ehepartnern und mit Angaben zu deren Eltern, einschließlich der eben genannten Daten über Beruf, Steuern und Besitz, und das alles möglichst in einer Art Kurzbiographie2,3. Ist es doch gerade die Mehrfacherfassung der sozialen Stellung eine Person (bei der eigenen Heirat, bei der Heirat der Kinder, zum Zeitpunkt des Todes), die diese Daten aus Genealogien für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte so wertvoll macht, läßt sich doch so auch Berufswechsel belegen, wirtschaftlicher Wandel und auch Wandel in den Begriffen und ihrer regionalen Verbreitung. Während früher die Schreibweise der Familiennamen und die Berufs- und Standesbezeichnungen oft generalisiert wurden oder „modernisiert“, erscheint es heute wichtig, in jeder Generation die einzelnen Schreibweisen und Berufs- und Standesbezeichnungen originalgetreu wiederzugeben, ergeben sich doch dadurch einzigartige Aussagemöglichkeiten, z.B. der kartographischen Darstellung aller Synonyme für „Kleinbauer“ (Gärtner, Handfröner, Viertelhüfner, ... ) und ihrer Veränderung in Raum und Zeit, wenn man dazu Hunderte von Ahnenlisten durchgesehen hat.

Die Interessen der bisherigen Arbeitsgemeinschaften Genealogie, der Vereine und der Deutschen Zentralstelle für Genealogie haben den gemeinsamen Nenner, daß sie alle eine möglichst hohe Qualität der bei der Zentralstelle eingehenden Materialien (und damit der Grundlage der Auskünfte durch die Zentralstelle) wünschen. Daher dienen die Veranstaltungen der Vereine nicht nur der gegenseitigen Information und Weiterbildung der Mitglieder durch zu Vorträgen eingeladene Fachleute, sondern auch der Orientierung, fertige Arbeiten grundsätzlich auch der Deutschen Zentralstelle und zuständigen Bibliotheken und Archiven, in der Regel kostenlos, zu übergeben. Alle nicht bis zur Manuskriptreife gediehenen und in mehreren Exemplaren vorliegenden Materialien sind irgendwie in Halbheiten steckengeblieben. So wertvoll Karteien als Unikate auch sein mögen,  aus der Sicht der Gesamtentwicklung sind es höchstens unzureichende Teilleistungen im Vergleich zu mit Computern gedruckten und mit Registern versehenen Arbeiten. Bei Genealogen ist die Gefahr stets groß, daß die anwachsende Datenmenge mit fortschreitendem Lebensalter nicht mehr zu bewältigen ist und ein abschließendes Manuskript nur Vorsatz bleibt. Aber nur eine letztlich öffentliche Arbeitsleistung ist eine Leistung, die Fortsetzung, Anerkennung und Beachtung finden kann, die uns weiterbringt. Ein geeigneter Anreiz, die Qualität der fertiggestellten und abgegebenen Arbeiten günstig zu beeinflussen, wären periodische Preisausschreiben bzw. Preisverleihungen, z.B. für das gelungenste deutsche Ortsfamilienbuch eines vergangenen Dreijahreszeitraumes.

Das wachsende Interesse an Familiengeschichte ist Teil des wachsenden Interesses an Heimatgeschichte und Alltagsgeschichte im allgemeinen. Die zu erwartende größere Belastung der Archive kann dadurch kanalisiert werden, daß bereits die genealogischen Vereine ihre Mitglieder auf zielgerichtete Erschließungsarbeit der oben genannten Art, auf intensive Arbeit mit wenigen Akten orientieren und ihre Mitglieder dafür qualifizieren. Genealogie kann man aber nirgendwo studieren, sondern nur durch praktische Forschung erlernen. Jeder ist deshalb einmal ein Anfänger und beginnt mit der Suche in ihm vordem unbekannten Archiven, einer Suche, bei der er auch stets auf das Verständnis der Archivare angewiesen ist (die den Anfänger auch auf die Existenz von Vereinen und Literatur hinweisen sollen). Abschließend können wir die im Titel gestellte Fragestellung verneinen. Es besteht eine Gemeinsamkeit der Interessen, auch wenn sich ihrer nicht jeder bewußt ist.


[1] Petzold, H.: Dorfhain in Sachsen: das Dorf und seine Bewohner.  Dorfhain 1983.  Typoskript in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden und im Staatsarchiv Dresden. – Herzog, J.: Die Entwicklung der Grundherrschaft Lampertswalde, Amt Oschatz, während des Spätfeudalismus (16. – 18. Jh.) unter besonderer Berücksichtigung sozialökonomischer Bedingungen. Leipzig, Univ., Sektion Geschichte, Diss. A., 1984. – Stephan, P.: Bevölkerungsbiologische Untersuchungen in Ditfurt, einem Dorf im Nordharzvorland, im 17. und 18. Jh.  Berlin, Akademie der Wissenschaften, Diss. A., 1983.

[2] Lorenz, W.: Genealogie heute?  In: Genealogie als historische Soziologie 2 (1988) 5-12.

[3] Jacobeit, S. und W. Jacobeit: Illustrierte Alltagsgeschichte des deutschen Volkes 1810-1900. Leipzig 1987. – Paul, M.: Schmied, Monteur, Fabrikarbeiter: Erinnerungen aus 56 Arbeitsjahren.  In:  Kultur und Lebensweise 2 (1979) 94-117. – Rach, H.-J.: Erinnerungen zum Alltagsleben prolet-arischer Familien vor  1945: Hinweise und Anregungen für das Schreiben von Autobiographien. In: Kultur und Lebensweise 2 (1979) 76-85.

[4] Die Ahnenliste AL 10722 der Deutschen Zentralstelle für Genealogie (Leipzig) z.B. konzentriert sich stark auf das Dorf Bockau im Erzgebirge. Der Verfasser H. Berger hat nicht nur eine Güterchronik des Dorfes verfaßt, sondern auch Lebensbilder (d.h. eine Art Biographie) zahlreicher Einwohner (ein Beispiel ist bei W. Lorenz – s. Anm. 2 – wiedergegeben). Grundlage dafür waren u.a. Regesten der Gerichtshandelsbücher GB Aue für Bockau 12 (1606-1664) und 13 (1664-1719), die an Gründlichkeit die bekannten Regesten von E. Költzsch, die in zahlreichen Exemplaren, u.a. im Staatsarchiv Dresden, vorhanden sind, übertreffen.

[5] Eine um 1945 geborene Person hat in der zehnten Vorfahrengeneration, also Ausgang des Dreißigjährigen Krieges, 1024 Vorfahren. Da sich die Bevölkerung seit dieser Zeit vervielfacht hat, haben diese 1024 Personen etwa zwei bis sechs Millionen heute lebende Nachkommen.

[6] Fogel, R. W.  et al.: The economics of mortality in North America 1650-1910. In: Historical Methods 11, No. 2 (1978) 75-108. – Diese Arbeit beruht auf Daten aus Stichproben bei den 50 Millionen Personen und 40 000 gedruckten Familiengeschichten, die sich in den Sammlungen der Genealogischen Gesellschaft in Salt Lake City befinden. Das Forschungsprojekt wird von der Harvard-Universität aus geleitet. – Weiss, V.: Bevölkerung und soziale Mobilität: Sachsen 1550-1880. Berlin 1993.

[7] Weiss, V.: Zur Qualität genealogischer Methoden und Ergebnisse aus der Sicht der Geschichtsforschung. Genealogie in der DDR 1 (1989) 6-13.

[8] Schaub, W.: Die genealogische Datenbank im Dienste der  Wissenschaft. Genealogie 20 (1971) 577-585 und 630-638. . – von Nell, A.: Zur generativen Struktur bürgerlicher Familien. Bochum, Univ., Diss. 1975.

[9] Weiss, V. und  K. Münchow: Ortsfamilienbücher mit Standort Leipzig in Deutscher Bücherei und Deutscher Zentralstelle für Genealogie. 2. Aufl.,  Neustadt/Aisch 1998.

[10] Weiss, V. und K. Butter: Familienbuch für Zschocken/Krs. Zwickau 1540-1720. Rekonstruktion der Familien eines großen Bauerndorfes ohne Kirchenbücher aus den Gerichtsbüchern und den archivalischen Quellen der Nachbarorte. Leipzig 1988 (= Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte 9).

[11] Imhof, A. E.: Einführung in die Historische Demographie. München 1977.

[12] StA Dresden, Loc. 10473-76 Familientabellen von 1701, dabei z.B. Zwickau, Chemnitz, Zschopau und Buchholz mit namentlichen Verzeichnissen und Beruf, ebenso zahlreiche Dörfer, andere dagegen werden nur summarisch aufgeführt. – Ein Teil dieser Tabellen wurden erschlossen durch: Kallauch, G.: Familientabellen des Amtes Schwarzenberg und der Stadt Buchholz von 1701. Leipzig 1994 (= Schriften der Deutschen Zentralstelle für Genealogie 8; Manuskript, keine Verkaufsexemplare; die Arbeit kann nur direkt in Leipzig oder im Staatsarchiv Dresden eingesehen werden).

[13] Z.B.: StA Leipzig GH Frohburg, Mahlgroschen 1767.

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