Vorbemerkung im Januar 2003: Der folgende Text war Teil eines Vortrags bei einer von Prof. Dr. Manfred Lötsch einberufenen Klausurtagung der Soziologen der DDR im Winter 1973/74 in Lehnin bei Potsdam. Die Diskussion zu meinem Vortrag leitete mein damaliger Vorgesetzter, Prof. Dr. Hansgünter Meyer, Leiter der Abteilung Soziologie am Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR.

 

In: Aus der Arbeit des Zentralinstituts für Jugendforschung. Leipzig: ZIJ 1979, S. 150-152.

 

Zur Vergleichbarkeit von Daten zur sozialen Mobilität

Volkmar Weiss

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Unter sozialer Mobilität verstehen wir die Bewegung der Gesellschaftsmitglieder zwischen und innerhalb der Klassen und Geschichten der Gesellschaft, also Bewegung und Veränderung der Individuen im sozialen Beziehungsraum. Wir stellen ihr die territoriale Mobilität als Bewegung im geographischen Raum gegenüber und engen dadurch den Begriff Mobilität ein. Soziale Mobilität vollzieht sich sowohl auf der Grundlage der Dynamik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen als auch auf der Grundlage der Neuverteilung der Talente und Fähigkeiten in einer jeden Generation.

Unter Intergenerationenmobilität, der sozialen Mobilität im engeren Sinne, versteht man den Wechsel der sozialen Stellung, der sich von Generation zu Generation vollzieht. Bei der Messung dieser Intergenerationenmobilität stoßen wir auf ein schwerwiegendes Problem: Klassen und Schichten sind dynamische Kategorien, die ihren zahlenmäßigen Umfang in einer jeden Generation ändern ebenso wie Berufe, Beschäftigte in Wirtschaftszweigen usw.

Aus der Sicht der Skalierungstheorie handelt es sich bei den genannten Kategorien um die Messung von Mobilität mit Nominalskalen, was dazu führt, daß die Werte verschiedener Länder oder über verschiedene Generationen hinweg nicht direkt vergleichbar sind. Auch wenn es nicht an Anstrengungen gefehlt hat, mit diesem Problem statistisch fertig zu werden, so erscheint doch – bis auf Teillösungen – auf diesem Skalierungsniveau keine völlige Vergleichbarkeit von Daten erreichbar zu sein.

Günstiger sieht es bei den Ordinalskalen bzw. mit quasimetrischen Skalen aus, mit denen soziale Mobilität oft gemessen wird. Zu nennen wären z.B. Einkommen, Bildung, Besitz bzw. Steuerklasse (in kapitalistischen Ländern oder im Feudalismus). Aus diesen werden oft synthetische Skalen gebildet, wie Sozialprestige und Sozialstatus, die in der bürgerlichen Soziologe eine statistische Synthese der eben vorgenannten Kriterien darstellen.

Es gibt also keine „soziale Mobilität an sich“, sondern nur Mobilität auf bzw. in einer definierten Skala; das ist bei Vergleichen stets zu beachten, denn folglich kann auch nur zwischen nach gleichen Grundsätzen definierten Skalen Mobilität verglichen werden.

Das Bildungskriterium bzw. die Bildungsskala erscheint für die sozialistische Gesellschaft das aussagekräftigste Kriterium zu sein, mit der soziale Mobilität gemessen werden kann.

Von sozialem Aufstieg spricht man in der Regel, wenn Beruf und Tätigkeit des Sohnes bzw. der Tochter eine höhere Qualifikation als die des Vaters bzw. der Eltern verlangt; von sozialem Abstieg, wenn die Qualifikation der Kinder geringer ist.

Die Intragenerationenmobilität erfolgt innerhalb eines Menschenlebens. Zu ihr gehören sowohl die Veränderungen der Berufszugehörigkeit einer Person, die durch wirtschaftliche Strukturveränderungen in Zusammenhang mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt notwendig werden, oft verbunden mit territorialer Mobilität bzw. Migration, aber ohne daß sich dabei notwendigerweise die Qualifikationsstufe ändern muß, als auch die Fluktuation zwischen Berufen und Tätigkeiten gleicher Qualifikationsstufe. Da sich jeder Aufstieg in hochqualifizierte Stellungen in der Regel über mehrere Stufen und Jahrzehnte hinweg vollzieht, ist es besser, diesen Aspekt der Mobilität unter dem Begriff der persönlichen Laufbahn zu fassen.

Der Begriff „soziale Mobilität“ wurde 1927 durch den Soziologen SOROKIN geprägt. Der bürgerlichen Soziologie ist es bisher trotz erheblicher Anstrengungen nicht gelungen, zu klaren Aussagen über die Dynamik und Kausalität der sozialen Mobilität zu gelangen. Es gibt sowohl Versuche, die soziale Mobilität rein aus der wirtschaftlichen Dynamik heraus, in Zusammenhang mit der Weitergabe sozialer Traditionen und des Besitzes, wie auch vergebliche Versuche, die soziale Mobilität aus rein biologischen Ursachen – d.h. aus der genetischen Neukombination der Anlagen für bestimmte Leistungsvoraussetzungen – zu erklären. Da es in den letzten Jahrzehnten auch unter kapitalistischen Bedingungen zu einer Erhöhung des durchschnittlichen Qualifikationsniveaus gekommen ist und sozialer Aufstieg ja gleichbedeutend mit formal höherer Qualifikation der Kinder zu sein scheint, werden aus dem Anwachsen der so definierten Aufstiegsrate häufig falsche Theorien über ein „Offen-werden“ der kapitalistischen Gesellschaft, über die „Demokratisierung“ des Bildungssystems und ein „Verschwinden der Klassenschranken“ abgeleitet. Somit wird von der bürgerlichen Soziologie der soziale Auf- und Abstieg für apologetische Zwecke benutzt, indem die Klassenschranken verschleiert werden und der individuelle Aufstieg im System die Veränderung des Systems ersetzen soll. Bereits eine einfache Normierung der Qualifikationsstufen der verschiedenen Generationen auf Standardwerte (z.B. der Bildungsjahre) würde derartige Zahlenmanipulationen verhindern, ist aber bisher kaum jemals durchgeführt worden. [1]

Was ist unter Normierung der Skala zu verstehen? Reale Bildungsgruppen werden dabei durch abstrakte Gruppen, definiert als Dezil- oder Quintilgruppen z.B., ersetzt. Bestehen z.B. reale Bildungsgruppen zu einer gegebenen Zeit aus 4% Hochschulkadern und 13% Fachschulkadern, so besteht als abstrakte Gruppe das erste Dezil aus den 4% Hochschulkadern und 6% Fachschulkadern, zufällig aus den 13% Fachschulkadern ausgewählt; die übrigbleibenden 7% Fachschulkader addieren sich dann zum zweiten Dezil, zu dem noch 3% aus der nächsten Qualifikationsstufe (Meister) hinzukommen. Verändert sich der Umfang der realen Bildungsgruppen, so gilt für die Zuordnung zu den abstrakten Gruppen auch für die nächste Generation dieses Prinzip. Auf diesem Wege – über die Bildung von abstrakten standardisierten Gruppen anstatt der konkreten – wird eine Vergleichbarkeit der Daten über verschiedene Zeiträume und verschiedene konkrete soziale Bezugssysteme in einem gewissen Maße möglich. Da die zahlenmäßige Größe der abstrakten Gruppen (Dezile, Quintile, ... ) sich nicht verändert, wird damit überhaupt erst die wissenschaftlich begründete Aussage möglich, daß in einem bestimmten System zu einer bestimmten Zeit eine größere soziale Mobilität herrscht als in einem anderen zum selben Zeitpunkt oder zu anderen Zeitpunkten (Generationen). Je nach den zur Bildung der abstrakten Gruppen verwendeten Kriterien sprechen wir dann von sozialer Mobilität, gemessen und verglichen durch die Bildung, das Einkommen, den IQ usw.

Zwangläufig ist jede Untersuchung zur sozialen Mobilität auch ein Vorstoß in die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, insbesondere wenn es sich um Untersuchungen über mehrere Generationen hinweg handelt. Von Personen, die 1970 40 Jahre alt waren, sind die Großväter im Mittel um 1870 geboren. Bei Mobilitätsvergleichen über Raum und Zeit hinweg ist ferner zu beachten, daß sich die Kinderzahlen der einzelnen sozialen Gruppen in den letzten 150 Jahren sehr stark verändert haben, dabei die Veränderungen in den einzelnen sozialen Klassen und Schichten asynchron waren und sind. Zum Beispiel hatten die Großbauern bis etwa 1830 sehr hohe Kinderzahlen, die ein Einheiraten von Kleinbauernsöhnen und –töchtern fast unmöglich machte. Dann verringerten die Großbauern ihre Kinderzahlen eher und rascher, als das bei den Kleinbauern und den Dorfhandwerkern der Fall war, womit sich gegen 1900 deren Chancen stark verbesserten, in ein Bauerngut einzuheiraten oder eines ohne Erbe zu kaufen, sofern sie das Geld dazu hatten (z.B. die Kinder eines Dorfhandwerkers). Ebensolche Einflüsse hat auch die Generationendauer (mittleres Heiratsalter bzw. mittleres Alter, in dem die Kinder geboren werden), die ebenfalls zwischen den sozialen Klassen und Schichten variiert und sich verändert. Wenn, wie es z.Z. in der DDR der Fall ist, die Intelligenz als soziale Schicht ihre eigene Zahl nicht reproduziert, dann führt allein das schon zu einer „Aufwärtsmobilität“ auf der Bildungsskala, wenn die Intelligenz in der nächsten Generation ihren zahlenmäßigen Umfang beibehalten soll.

Konkrete empirische Untersuchungen sollten nach Möglichkeit repräsentativ sein und mündliche Auskünfte immer anhand schriftlicher Unterlagen überprüft werden. Für Angaben zum Beruf des Vaters, des Großvaters usw. sollten schriftliche Belege eingeholt oder erhoben werden, die den Charakter objektiver Unterlagen haben. Beispielsweise hatte früher fast jeder Ort ein Adreßbuch, in dem Beruf und Tätigkeit angegeben ist, ferner weisen die Kirchenbücher (Traubücher z.B.) und Standesämter die Berufe aus. Eine Beschränkung auf einen definierten Raum erscheint dabei notwendig, z.B. Sachsen und Thüringen.

Es hat sich nämlich in empirischen Untersuchungen immer wieder herausgestellt, daß, wenn man sich nur auf die Angaben der Probanden (in Fragebogen oder im Interview) verläßt, eine starke und einseitige Verzerrung der Daten eintritt, das aus dem einfachen Grund, weil Falsch-Angaben immer nur in einer Richtung möglich sind, wenigstens an den Extremen, und dadurch die soziale Herkunft stärker nivelliert wird, als das der Wahrheit entspricht. Unqualifizierte Personen bzw. Personen, deren Väter keinen Berufsabschluß haben, können nur „Hochstapeln“, Personen mit hoher Qualifikation nur „Tiefstapeln“. Da es dafür Gründe gibt – z.B. erscheint hohe Qualifikation für Unqualifizierte erstrebenswert – ist die dadurch eintretende Verzerrung subjektiv erhobener Daten sehr beträchtlich. Der Einfluß der Mutter blieb bisher in Mobilitätsuntersuchungen meist unberücksichtigt, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, daß in kapitalistischen Ländern Frauen sehr oft gar keine berufliche Qualifikation haben oder hatten. Soziale Mobilität ist dann oft nur Vater-Sohn-Mobilität. Wir müssen aber zu Mobilitätsuntersuchungen gelangen, bei denen Vater, Mutter und Kinder beiderlei Geschlechts gleichermaßen berücksichtigt werden. Und es soll nicht nur ein Mittelwert über die Eltern gebildet werden, sondern Vater, Mutter und Kinder sollten in dreidimensionalen Tabellen erfaßt werden (nach den möglichen Heiratskombinationen bei den Eltern),  die sich statistisch mit stochastischen Matrizen der Übergangswahrscheinlichkeiten erfassen und beschreiben lassen, wodurch auch eine Prognose auf die folgenden Generation möglich wird. [2]

Über die in sozialen Systemen wünschenswerte soziale Mobilität gibt es verschiedene politische Auffassungen. Eine erste Auffassung hält eine völlige Gleichverteilung bzw. Zufallsverteilung der Kinder auf die sozialen Klassen und Schichten für absolut wünschenswert, d.h. die soziale Herkunft bzw. das Elternhaus sollten überhaupt keinen Einfluß haben. Ein derartiges Ideal erscheint utopisch bzw. nur auf Kosten der Zerstörung der Familie und der Familienerziehung und der Beseitigung der freien Berufswahl möglich. Für eine zweite Auffassung erscheint die völlige Vorherbestimmung der Berufes bzw. der Berufsgruppe aus der sozialen Stellung der Eltern wünschenswert. Ihren Ausdruck hat diese Zielstellung in der hinduistischen Kastenverfassung gefunden. Nicht nur mit der vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt geforderten sozialen Dynamik ist ein solches starres System unvereinbar. Demgegenüber existieren Systeme mit verschiedenen Graden der sozialen Mobilität: feudale, kapitalistische, sozialistische. Selbst die feudale Gesellschaft in Mitteleuropa war (mit Ausnahme des Adels), wie konkrete Untersuchungen zeigen können, in nicht unerheblichem Maße offen bzw. mobil, d.h. wirtschaftlich anpassungsfähig und dynamisch, schon allein, um die Bevölkerungsverluste durch Seuchen und Hungersnöte in bestimmten Orten und Berufsgruppen rasch wieder ausgleichen zu können.

Zusammenfassend können wir sagen, daß die sich überlagernden hochkomplexen Aspekte des Mobilitätsgeschehens dazu führen, daß auch im Sozialismus quantitative Aussagen und Untersuchungen zur sozialen Mobilität vor schwierige inhaltliche und methodische Probleme gestellt werden. Die Mobilität der Individuen ist zwar nur in Zusammenhang mit der Dynamik des Gesamtsystems verständlich, ist aber kausal auch durch die Anlagen und die Fähigkeiten eines jeden Individuums bedingt, d.h. durch sein individuelles Streben und dem seiner Eltern und durch seine individuelle An-  bzw. Einpassung in die wirtschaftlichen Erfordernisse. Dazu kommen noch rein quantitative (unterschiedliche Kinderzahlen in den verschiedenen sozialen Schichten) und territoriale Effekte, die das Mobilitätsgeschehen beeinflussen.

Verläßliche und vergleichbare quantitative Aussagen über die soziale Mobilität sind aber für die Bildungsplanung, für die Bevölkerungspolitik und für eine Sozialplanung im allgemeinen von Interesse und Wichtigkeit. Aussagen über Intergenerationenmobilität zwischen den verschiedenen Bildungs- und Qualifikationsstufen (und Berufsgruppen, analog geordnet nach dem Kompliziertheitsgrad der Arbeit) haben dabei den größten Wert und sind methodisch am ehesten realisierbar, so daß sich damit prognostisch wertvolle Aussagen über die Anteile der durch soziale oder biologische Gegebenheiten und Ursache bedingten Mobilität und den Optimalbereich der im Sozialismus gesellschaftliche notwendigen und wünschenswerten Mobilität machen lassen.


[1] BIBBY, I:  Methods of measuring mobility. Quality and Quantity 9 (1975) 107-136. – BOUDON, R.: Mathematical Structures of Social Mobility. Amsterdam: Elsevier 1973.

[2] WEISS, V.: Die Prüfung von Hypothesen bei den synchron zum Probanden lebenden Seitenverwandten als Methode der Humangenetik. Biometrische Zeitschrift 15 (1973) 259-270.

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