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Der Fall Wilhelm Peters

1933: Eine soziale Revolution unter nationalem Vorzeichen? Fortschreitende Modernisierung ist angesagt, aber zu welchem Preis? Der führende Mann auf dem Gebiet der Intelligenzforschung und insbesondere zu Fragen der Vererblichkeit der Intelligenz war zu diesem Zeitpunkt Professor Wilhelm Peters, Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Jena.

Peters war 1880 in Wien geboren, wo er auch das Studium begann, das ihn weiter nach Zürich, Straßburg und Leipzig führte. Er promovierte 1904 in Leipzig bei dem Psychologen Wundt. Führende Kollegen seiner Zeit werden auf den jungen Mann aufmerksam und fördern ihn. 1910 habilitiert er sich in  Würzburg und erhält die Lehrberechtigung für Psychologie und Pädagogik. Hier in Würzburg entstehen sehr bald die Arbeiten, die ihn zu einer führenden Autorität auf dem Gebiet der Vererbung psychischer Eigenschaften werden lassen. Er beginnt, mit Unterstützung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, eine Schulkinder- und Zeugnisuntersuchung. In Bayern, der Steiermark und Baden werden in ländlichen Gemeinden die Zeugnisse von 1162 Kindern, 344 Elternpaaren und bei 151 Kindern die aller vier Großeltern gesammelt und mit statistischen Methoden kritisch analysiert. Die umfassende Veröffentlichung der Ergebnisse im Kriegsjahr 1915 (weswegen sie auch nie im Ausland zur Kenntnis genommen wurde) weist Peters als einen Kopf aus, der fachlich völlig auf der Höhe seiner Zeit ist. Die Arbeiten von Mendel, Galton und Pearson sind ihm vertraut. Außer Korrelationen zu berechnen, sucht aber Peters in seinen Daten auch danach, ob vielleicht die Daten zu einer Mendelspaltung passen könnten. Und er kommt dabei zu dem seiner Zeit weit vorausgreifenden Schluß, daß man bei psychischen Merkmalen wegen der Ungenauigkeit der Zensurengebung nicht von von einer einfachen Zuordnung von Genotypen zu Schulzensuren ausgehen könne, sondern nur von einer mehr oder minder großen Wahrscheinlichkeit der richtigen Zuordnung. Unter dieser Annahme, die er rechnerisch ausführlich belegt, kommt er zu dem Ergebnis, daß bereits eine einfache Zwei-Allel-Hypthese eine überraschend gute Übereinstimmung mit den Erwartungen einer einfachen Mendelspaltung erbringt. Mit anderen Worten: Haben beide Eltern auf ihren Schulzeugnisse Einsen, haben auch die Kinder wieder Einsen. Haben beide Eltern schlechte Zensuren, haben auch die Kinder wieder schlechte Zensuren. Haben beide Eltern mittelmäßige oder leicht überdurchschnittliche Leistungen (also vielleicht eine Zwei), dann hat die Hälfte ihrer Kinder wieder Leistungen in diesem eher mittleren Bereich, ein Viertel ihrer Kinder haben Einsen, das restliche Viertel schlechte Zensuren. Peters hält die allgemeine „Auffassungsgeschwindigkeit“ für entscheidend für die Zensuren geistiger Leistungen, d.h. auch er ist, wie Spearman, mit dem er 1903/04 zusammen in Leipzig war, der Meinung, daß es so etwas wie Allgemeine Intelligenz gibt. Für den Einfluß der Vererbung auf die geistigen Leistungen der Kinder spricht nach Peters vor allem, daß man die Verschiedenheit der Kinder innerhalb einer Familie (wie das besonders in der mittleren Leistungsgruppe der Fall sein kann) nur sehr schwer mit reinen Umwelthypothesen erklären könne, wohl aber mit der Annahme der Mendelspaltung. Peters errechnet eine Geschwisterkorrelation von 0,42.

1923 wird Peters auf Betreiben der sozialdemokratischen Landesregierung nach Jena gerufen, gegen den erbitterten Widerstand des Establishments dieser Universität, das zusammen mit der bürgerlichen Presse gegen seine Berufung Stimmung machte. Als Gegenkandidat stellte die Philosophische Fakultät Jaensch auf. Es ist derselbe Jaensch, der 1938, inzwischen zum Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Psychologie avanciert, auf dem 16. Kongreß dieser Gesellschaft gegen die „jüdischen Intelligenztests von William Stern“ wettert, die „eindeutig auf einen bei Juden stark vorwaltenden Intelligenztypus ausgerichtet“ seien. (Aus der richtigen Beobachtung, daß der mittlere IQ der Juden bei 115 liegt, wird auf diese Weise in Deutschland nach 1933 der Schluß gezogen, daß es besser sei, Intelligenztests gar nicht anzuwenden.) Peters gelingt es, die Unterstützung der Carl-Zeiss-Werke zu erhalten, die auf Fortschritte in der Eignungs- und Begabungspsychologie hoffen und die ihm für die Einrichtung eines psychologischen Instituts 20 Millionen Mark zur Verfügung stellen.

 

1925 kommt es in Jena bei der Neuordnung der Fakultäten zu der glücklichen Entscheidung, daß die Psychologie der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät zugeordnet wird und für Peters wird damit in einem Kollegenkreis, mit einem durchschnittlichen höheren IQ als an der Philosophischen Fakultät vorher, eine außerordentlich fruchtbare Schaffensperiode eingeleitet. So beauftragt er z.B. durch den Doktoranden Walter Krause (1932) mit einer experimentellen Arbeit über den Erbgang der künstlerisch-zeichnerischen Begabung, eine Untersuchung, die noch heute methodisch unübertroffen ist.

In der Öffentlichkeit wendet sich Peters entschieden gegen einen Mißbrauch der Vererbungslehre durch konservative Bildungspolitiker und weist - und damals war das sehr berechtigt - darauf hin, daß die wirtschaftliche Situation der Eltern begabte Kinder oft an einem Besuch weiterführender Schulen hindert. Peters versucht, sich gegen die immer stärker werdende demagogische Propaganda in der Vererbungs- und Rassenfrage zu stemmen, und tritt in Vorträgen, so als Referent der Sozialistischen Studentengruppe, und in Veröffentlichungen, immer schärfer dagegen auf. Sein Vortrag zur „Rassenpsychologie“ ist ein Aufruf zu kühlem Denken und zu Toleranz. Wenn man Natürliche Selektion als Ergebnis der unterschiedlichen Lebensbedingungen der Rassen annehmen müsse, könne man die Möglichkeit erblicher Rassenunterschiede auch im Psychischen nicht ausschließen.

Am 28.4.1933 wird der Jude Wilhelm Peters entlassen. Das Thema der Antrittsvorlesung seines Nachfolgers lautet: Die deutsche Wendung in der wissenschaftlichen Seelenlehre. Auch Peters Schüler und Mitarbeiter werden entlassen oder gehen in die Emigration. 1937 wird Peters an die Universität Istanbul berufen, wo er unter bescheidenen Verhältnissen ein psychologisches Institut aufbaut. U.a. führt er Intelligenztests bei 1000 türkischen Kindern durch. 1952 kehrt Peters nach Würzburg zurück, wo er 1963 gestorben ist. Die Bedeutung seines Lebenswerkes, das über den Raum und die Zeit hinausragt, in der er lebte, wird besonders dadurch unterstrichen, daß die Würdigungen und Nachrufe von denen geschrieben werden, die - nach mehreren Jahrzehnten Stille um diese Arbeitsrichtung in Deutschland - als erste wieder das Wissen auf dem Gebiet der Psychogenetik zusammenfassen, beginnend mit Von Bracken (1969) in seiner „Humangenetischen Psychologie“.

Der Lebensweg von Peters (Weiss 1980a) ist hier etwas ausführlicher dargestellt worden, weil er den landläufigen Denkschablonen widerspricht und sehr nachdenklich machen sollte.